100 Tage - Mi Vida

 

Sie schloss das Fenster und nahm eine gerahmte Fotografie vom Schreibtisch. Roman in der Badehose. Hinter sich hatte er ein Frottiertuch mit beiden Armen ausgespannt, als wollte er es sich gerade um die Schultern legen. Seine Haare glänzten nass. Er lächelte. Erst als das Bild unscharf wurde, merkte sie, dass sie weinte. Sie vermisste ihn so sehr.

 

Noch immer hörte sie den Klang seiner Stimme, wenn sie die Augen schloss. Es war ein sonniger Morgen. Der Wettermann im Radio prophezeite schwüle, feuchte dreißig Grad, blauen und wolkenlosen Himmel über dem Golf von Mexiko – das perfekte Augustwetter für einen Ausflug an den East Beach auf Galveston Island, wo sich der jährliche Sandburgenwettbewerb dem Ende zuneigte.

 

Roman kontrollierte den Akku seiner Digitalkamera und den Reserve Akku. Freier Fotograf zu sein, war für ihn der beste Job der Welt. Der Auftrag eines Reisemagazins, die schönsten Strände an der Golfküste abzulichten, war das Highlight seiner Karriere. Florida, Alabama, Mississippi und jetzt Texas. Doch sein persönlicher Höhepunkt lag hundert Tage zurück, am Strand von Sarasota in Florida.

Damals wollte Roman den Sonnenaufgang am Siesta Key fotografieren. Er roch die würzige Luft des Ozeans. Bis auf die Rufe der Möwen und das Rauschen der schäumenden Wellen war nichts weiter zu hören. Der Horizont lag im Morgenrot, letzte Schleierwolken lösten sich gerade auf. Es war seine liebste Zeit – wenn der Rest der Welt noch schlief. Gerade als er zum perfekten Foto ansetzen wollte, traf ihn etwas am Kopf.

 

"Au, verdammt, was..." fluchte Roman und drehte sich in die Richtung, aus der der Gegenstand geflogen war. 

 

Ein Australian Shepherd rannte schwanzwedelnd auf ihn zu, um sich das Frisbee zurückzuholen, das nun vor Romans Füßen lag.

„Jessa! Jessa, hier!“, rief eine Stimme. Der Hund spitzte die Ohren, schnappte sich das Spielzeug und lief zurück in Richtung der Rufe. Romans Ärger verflog sofort. Eine Frau kam wild gestikulierend durch den Sand auf ihn zu gestolpert. Der Träger ihres weißen Shirts rutschte mit jedem Schritt weiter über die Schulter und gab den Blick auf ein blaues Bikinioberteil frei. In der einen Hand trug sie ihre Sandalen, mit der anderen bändigte sie ihre blonde Mähne.

 

„Guten Morgen, es tut mir echt leid, an meinen Wurfkünsten muss ich noch arbeiten. Sind Sie verletzt? Tut Ihnen was weh? Kann ich was für Sie tun? So was Dummes ist mir noch nie passiert. Entschuldigung!“, plapperte sie atemlos und fast ohne Punkt und Komma.

Dann räusperte sie sich, warf ihre Haare zurück und sah ihn an. Ihre blauen Augen strahlten, ihr Lächeln raubte ihm fast den Atem.

 

„Guten Morgen. Nein, nein, alles in Ordnung. Ich bin übrigens Roman“, sagte er und reichte ihr die Hand.

 

„Ich heiße Lu... Lucy. Und das ist Jessa. Freut mich.“

 

„Also Lucy, Ihre Zielgenauigkeit ist beeindruckend. Kilometerweiter Sandstrand, keine Menschenseele – und Sie treffen ausgerechnet mich.“

 

Sie lachte. „Darf ich Sie zur Entschädigung zum Frühstück einladen? Ich muss mich ja vergewissern, dass es Ihnen wirklich gut geht.“

 

„Sehr gerne.“

 

Aus dem Frühstück wurde ein Brunch. Sie redeten über Gott und die Welt. Es fühlte sich an, als würden sie sich schon ewig kennen. Noch am selben Abend trafen sie sich zum Essen. Die nächsten Tage verbrachten sie gemeinsam.

Beide hatten die Suche nach der Liebe über Dating-Apps längst aufgegeben – und fanden ausgerechnet tausende Kilometer von zu Hause entfernt den Menschen, der sich richtig anfühlte. Lucy hatte ihr Studium in internationalem Marketing gerade abgeschlossen und wollte sechs Monate durch die Welt reisen. Roman bat sie kurzerhand, ihn auf seinem Auftrag zu begleiten.

 

Auf langen Autofahrten wurden sie zu Gefährten, Vertrauten, Geliebten. Er brachte ihr nicht nur das Fotografieren, sondern auch das Frisbeewerfen bei. Am Orange Beach in Alabama schwammen sie mit Delfinen. Als Roman aus dem Wasser kam, griff Lucy zur Kamera – sie wollte diesen Augenblick für immer festhalten.

 

„Und lächeln“, sagte sie.

 

„Wenn ich dich ansehe, kann ich gar nicht anders“, schmunzelte er.

 

„Ich würde dieses Bild gern rahmen lassen und ‚Mi Vida‘ nennen. Das ist spanisch für ‚Mein Leben‘ – weil ich mir meins ohne dich kaum noch vorstellen kann“, gab sie leise zu.

 

Beim Anblick dieses Fotos zog sich ihr Magen zusammen. Sie versuchte, die Tränen hinunterzuschlucken, den Kloß in ihrem Hals zu unterdrücken. Der Gedanke, nie wieder in seinen Armen aufzuwachen, raubte ihr den Atem.

Es war erst wenige Tage her, dass zwei Polizisten vor ihrer Tür standen. Mit ernster Miene und einfühlsamen Worten berichteten sie vom Unfall. Sie hatten einen Ring dabei, heimlich graviert. „100 Tage“, „Mi Vida“, stand auf der Innenseite.

 

An den genauen Wortlaut der Beamten erinnerte sie sich kaum. Etwas von „betrunkener Autofahrer“, „Kontrolle verloren“, „Schädelhirntrauma“. Seither war sie in diesem Alptraum gefangen und hoffte auf ein schnelles Ende.

 

Mit zitternden Fingern stellte Lucy die Fotografie von Roman zurück auf den Schreibtisch. Ihre Hand verharrte einen Moment auf dem Rahmen, als könnte sie ihn so festhalten.

 

 

 

 

 

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Vielleicht wissen wir bald, wie diese Geschichte weitergeht :-)

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
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