Am 8. Tag erschuf Gott den Donut
Mein Frühstück hat mehr Action als mein Liebesleben

 

Leni sitzt in ihrer Berliner Altbauküche, die so klein ist, dass der Kühlschrank gleichzeitig als Ablage für Kaffeetassen, Rechnungen und drei leere Pizzakartons dient. Die Mülltüten im Flur lehnen an der Wand wie Mauerblümchen mit schlechter Haltung, die beleidigt darauf warten, dass endlich jemand sie wahrnimmt.

 

Vor ihr auf dem Bildschirm leuchtet der Grund, warum Marc vor drei Wochen seine Koffer gepackt hatte.

 

„Du lebst in einer Pixelhölle, Leni!“, hatte er gerufen.

„Ich will eine Frau aus Fleisch und Blut, keine aus Pixeln und Fantasie!“ 

 

Jetzt starrt sie auf genau diese Hölle: Second Life.

 

Ihr Avatar – gertenschlank, sonnengebräunt und mit einem Pferdeschwanz, der bei jedem Schritt perfekt schwingt – lehnt lässig an der Theke eines virtuellen Strandcafés. „LenaStar84“ trägt ein Top mit der Aufschrift: Don’t talk to me before coffee.

Hier ist sie nicht Marlene Hoffmann, Konfektionsgröße 50, Marketing-Assistentin und professionelle Aktenstaplerin. Hier ist sie stolze Cafébesitzerin, die ihren Traum lebt – und bald auch ihren Traummann treffen wird: Miguel75, oder Antonio, wie er im echten Leben heißt.

 

In Barcelona.

 

Als ihr Handy piept – Check-in 13:10 Uhr – klappt sie hektisch den Laptop zu. „Realitätstraining, Leni. Wie der Therapeut gesagt hat“, murmelt sie, greift nach ihrem Koffer und stolpert prompt über eine der Mülltüten.

 

„Na toll. Mein Leben hat einen Programmfehler.“

 

Zwei U-Bahnfahrten und eine nervenaufreibende Sicherheitskontrolle später steht Leni im Terminal. Menschenmassen strömen an ihr vorbei, Koffer rollen wie kleine Panzer über den Boden. Sie kämpft mit ihrem eigenen Gepäckstück, das in unregelmäßigen Abständen nach links ausbricht, als wolle es vor ihr fliehen.

 

Ihr T-Shirt spannt sich leicht über den Bauch; darauf prangt in großen Buchstaben:

 

 „Am 8. Tag erschuf Gott den Donut.“ 

 

Sie fand den Spruch beim Kauf witzig. Heute, zwischen all den stylischen Business-Reisenden, fühlt er sich wie eine offene Anklage an.

Um den Frust zu betäuben, hat sie sich an der Bäckerei neben dem Gate versorgt. Jetzt bleibt sie vor den Duty-Free-Geschäften stehen, während ein süßlicher Mix aus Designerdüften herüberweht. In der einen Hand balanciert sie einen Becher Kaffee, in der anderen einen Donut – ein prachtvolles Exemplar mit Schokoladenglasur und viel zu vielen bunten Streuseln, das perfekt zu ihrem T-Shirt passt.

 

Über ihr flackert die Anzeigetafel: Flug nach Barcelona – Boarding verschoben.

 

„Natürlich,“ seufzt sie. „Selbst die Realität macht heute Updates.“

 

Plötzlich durchbricht ein Scheppern die Geräuschkulisse.


Ein junger Mann im Kapuzenpulli stürmt aus dem Duty-Free-Shop, eine prall gefüllte Tasche über der Schulter.

 

„Weg da!“, brüllt er.

 

Leni erstarrt. In einem Reflex, den sie später vermutlich bereuen wird, reißt sie die Hände hoch. Der Donut in ihrer rechten Hand wirkt wie ein lächerliches Stoppschild.

Der Mann prallt mit der Schulter gegen sie. Die Tasche schlägt auf, Parfümkartons purzeln über die Fliesen und verteilen sich wie luxuriöses Konfetti.

 

Ein klebriger Schokoladenspritzer landet direkt auf Lenis Ärmel.

 

Bevor sie das Gleichgewicht verlieren kann, packt sie jemand am Arm und reißt sie mit festem Griff zur Seite. Leni prallt gegen eine breite Brust. Für einen Moment sieht sie nichts als dunkelblauen Stoff, während ihr die Mischung aus frisch gemahlenem Kaffee und Leder in die Nase steigt.

 

Dann verabschiedet sich ihr Becher: Der Deckel springt ab und der Rest ihres Milchkaffees ergießt sich in einem braunen Wasserfall über die Fliesen.

 

„Alles okay bei Ihnen? Keine Sorge, die Kollegen haben ihn schon.“ 

 

Die Stimme ist ruhig, tief – die Art Stimme, bei der man automatisch vergisst, dass man gerade fast von einem Parfümdieb überrollt wurde.

 

Leni blinzelt. Sie tritt einen Schritt zurück und sieht in ein Gesicht, das eher „hübsch“ als klassisch kernig ist. Das schwarze Haar ist glatt aus der Stirn gekämmt, und ein Muttermal hoch oben auf dem Wangenknochen sitzt so perfekt, dass man glauben könnte, es sei aufgemalt. Nur sein amüsiertes Lächeln wirkt wirklich echt. 

 

„Ich… glaube schon“, stammelt sie und starrt nach unten.

 

„Nur mein Donut hat’s nicht geschafft.“ 

 

Das gute Stück liegt plattgewalzt auf dem Boden. Die Schokoglasur zieht eine Spur über die Fliesen, die verdächtig an moderne Kunst erinnert.

 

„Heldentod im Einsatz“, sagt der Polizist trocken. 

 

Sein Namensschild trägt den Namen Tom Berger. Leni schnauft und versucht, den Kaffeefleck auf ihrem Ärmel mit einer Serviette zu bearbeiten, was alles nur noch schlimmer macht.

 

 „Typisch. Mein Frühstück hat mehr Action als mein Liebesleben.“

 

Er hebt eine Augenbraue. „Wenn das ein Notruf sein soll – ich bin im Dienst, Marlene.“ 

 

Sie stutzt. „Woher wissen Sie…?“ 

 

Er deutet schmunzelnd auf ihren Kofferanhänger, der wild hin und her baumelt. 

 

„Oh. Eigentlich Leni“, murmelt sie. „Nur meine Mutter nennt mich Marlene, wenn sie schimpft. Oder wenn ich versuche, Polizisten mit Gebäck aufzuhalten.“

 

Tom lacht leise – ein warmes Geräusch, das ihren Puls seltsamerweise mehr beschleunigt als der Beinahe-Zusammenstoß. 

 

Er hilft ihr, den widerspenstigen Koffer wieder aufzurichten.

 

„Und, Leni mit dem Donut-T-Shirt? Wo soll die Reise hingehen? Vor der Justiz flüchten?“

 

„Barcelona“, sagt sie und versucht, sich die Haare aus der Stirn zu streichen.

 

 „Realitätstraining. Ich treffe dort jemanden.“

 

„Klingt gefährlich“, sagt er und sieht ihr einen Moment zu lang in die Augen. 

 

„Ist es auch. Die Realität hat leider keinen Radiergummi.“ 

 

In diesem Moment dröhnt die Durchsage durch die Halle: Letzter Aufruf für Flug LH1812 nach Barcelona.

 

„Das bin ich“, sagt Leni und spürt ein unerwartetes Bedauern.

 

„Dann viel Erfolg beim Training, Leni. Und passen Sie auf Ihr Gebäck auf.“

 

Leni seufzt tief, während sie ihren Pass heraussucht. 

Sie nimmt ihren Koffer wieder an sich – diesmal ohne Zwischenfall – und geht Richtung Gate. Nach einigen Metern hält sie inne und dreht sich um. 

 

Tom Berger steht immer noch da, die Hände lässig an der Koppel, und lächelt - dieses Lächeln, das ihr Herz kurz stolpern lässt.

 

Tolle Sache, denkt sie. Jetzt lande ich endlich in der Realität – und sie sieht aus wie ein Polizist.

 

 

 

 

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe Du hattest beim Lesen genauso viel Freude, wie ich beim schreiben

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

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