Bevor jemand fällt

 

Am Morgen lag die Mail wieder in ihrem Posteingang, als hätte sie sich über Nacht von selbst aktualisiert. Betreff: Projekt Schulbau Nairobi – Zusage bis 10. April. Kein Logo, keine Floskeln. Nur das Ultimatum.

 

Heute war der Achte.

 

Katja klappte den Laptop zu. Das Geräusch war leise, doch in ihrem Nacken zog es sich zusammen. Sie flüchtete zur Kaffeemaschine. Der Dampf des Milchschäumers stieg auf und verschwand, als hätte er einen besseren Plan als sie. Die Küchentheke sah aus wie ein kleiner Schauplatz menschlicher Unordnung: Jonas’ Lateinheft, ein Kugelschreiber ohne Kappe, Florians Pullover über der Stuhllehne.

 

Tom kam barfuß in die Küche, Florian hinter ihm. 

„Ich nehm die Jungs zum Bäcker mit“, sagte Tom und zog sich ein Hemd über. „Danach vielleicht kurz an den See.“

 

Katja hielt den Milchkarton noch in der Hand.

„Flo hat noch diesen Husten.“

 

Tom öffnete den Kühlschrank, griff nach einer Wasserflasche und schloss die Tür mit der Hüfte. „Seit drei Tagen nicht mehr, Katja. Gestern hat er Fußball gespielt.“

 

Sie stellte den Karton ab. Drehte ihn, bis das Etikett exakt nach vorne zeigte. Mit dem Daumen wischte sie einen Tropfen Milch fort.

 

„Aber die Morgenluft. Am Wasser …“

 

„Schatz, es ist April und nicht Sibirien.“ Er küsste sie flüchtig auf die Stirn. 

 

Florian band sich die Schuhe. Katja beobachtete seine Finger, wie die Schleife entstand, ein vertrauter Rhythmus. Jonas kam die Treppe herunter, den Hoodie halb über dem Kopf, als wolle er sich vor dem Morgen tarnen.

 

„Wir sind um eins zurück“, sagte er. „Kein Drama.“

 

„Nehmt wenigstens eine Decke mit“, rief Katja ihnen hinterher.

 

Jonas hielt an der Tür inne. „Mama. Er ist zwölf. Er ist kein Froschlaich, der vertrocknet.“

 

Florian boxte ihm gegen die Schulter, Jonas boxte zurück. Beide lachten. Tom hielt die Tür auf, als trüge er für einen Moment das ganze Haus in den Händen. Er zwinkerte Katja zu.

 

Dann war es still.

 

Sie blieb im Flur stehen, bis sie hörte, wie das Auto vom Hof rollte. Stille hatte eine eigene Stimme. Sie klang wie: Jetzt bist du dran.

 

Katja legte das Lateinheft auf den Stapel, steckte die Kappe auf den Stift, faltete den Pullover.

Sie räumte die Spülmaschine aus, das Besteck nach Größen sortiert. Sie wischte die Arbeitsplatte, bis kein Fleck mehr blieb, an dem das Licht hängen konnte. Dann holte sie ihre aktuellen Projektpläne hervor. Zeichnungen für eine Lagerhalle in Castrop-Rauxel Sie korrigierte eine Maßeinheit um zwei Millimeter.


Zwei Millimeter.


Sie wusste nicht einmal mehr, warum.

 

Zwischendurch sah sie auf die Uhr. Elf Uhr. Die Jungs müssten jetzt am Wasser sein. Sie stellte sich vor, wie Tom mit ihnen über die Ufersteine balancierte, vielleicht die Angel auswarf. Sie griff zum Handy, um eine Nachricht zu schreiben: Zieht die Jacken nicht aus. Ihr Daumen schwebte über dem Display. Sie sah ihre Spiegelung im schwarzen Glas.

 

Vielleicht war es gar nicht kalt am Wasser.

 

Vielleicht war es nur sie.

 

Dann drehte sie das Handy um und ging zur Waschmaschine.

 

Drückte auf Start.

Das Gerät lief bereits. Die Trommel drehte sich gleichmäßig.

Katja lehnte sich mit der Schulter an die Wand.

Nur einen Moment.

 

Zurück in der Küche setzte sie sich wieder und klappte den Laptop auf.

Die Mail war noch da. 

 

Statt sie zu öffnen, rief sie den Kalender auf. Zwei Termine im Büro, Telefonkonferenzen, Elternabend. Sauber eingetragen. Sie scrollte weiter: Kinderkardiologie, in sechs Monaten. Der Arzt hatte beim letzten Mal gelächelt. „Alles in Ordnung“, hatte er gesagt. „Er ist belastbar. Er kann Sport machen. Sie müssen nicht ständig auf der Hut sein.“

 

Sie hatte damals genickt. Sie nickte jetzt wieder, für sich allein.

 

Schließlich öffnete sie die Mail. Drei Monate Nairobi. Schulbauprojekt. Unterkünfte geregelt. Keine Bezahlung, aber alles getragen. Es klang nach Sinn. Nach etwas, das größer war als ihr kleines, ordentliches Leben. Sie brauchten eine technische Zeichnerin. Belastbar. Strukturiert. Als ob „strukturiert“ alles erklären würde. Sie scrollte bis zur Frist und wieder zurück. Dann schloss sie die Mail.

 

Stimmen im Flur. Lachen. Die Jungs kamen rein, als gehörte ihnen das Haus. Florian rannte in die Küche. „Wir waren am See, ich hab coole Steine gefunden!“, rief er und ließ sie auf den Tisch fallen.

Seine Haare waren feucht. Er roch nach Wasser und Gras. Er war außer Atem.

„Du bist verschwitzt“, sagte Katja. Es war ein Reflex.

„War cool“, erwiderte er und griff nach einem Brötchen. 

Tom stellte die Brötchentüte auf den Tisch, und der Geruch von warmem Teig breitete sich in der Küche aus.

 

„War’s.“

 

Jonas trank direkt aus der Flasche. Tom sah ihn an, sagte aber nichts.

Katjas Blick glitt über ihn, prüfend, tastend, bis sie sich zwang, wegzusehen. 

 

„Alles gut?“, fragte Tom.

 

„Ja“, sagte sie.

 

Es war nicht gelogen. Nur nicht die ganze Wahrheit.

 

Am Abend saß sie mit Jonas am Küchentisch. Florian spielte im Wohnzimmer, Tom bei ihm. Ab und zu hörte sie seine ruhige Stimme: „Aha“ oder „Zeig mal.“ 

 

Jonas kämpfte mit Latein, die Stirn in Falten, das Abi war nur noch Wochen entfernt. Katja schrieb den Einkaufszettel. Milch. Brot. Tomaten. Sie schrieb Kaffee doppelt und strich es wieder durch. Das Handy legte sie ordentlich neben den Zettel, weil da noch eine Arbeitsmail wartete.

 

„Ich habe heute eine Mail bekommen“, sagte sie in das Kratzen seines Stifts hinein. „So ein Nairobi-Projekt. Für drei Monate.“ Sie schrieb Butter, obwohl noch welche da war.

 

„Wenn du gehst“, sagte Jonas, ohne aufzusehen, „was passiert dann mit meinem Abi?“

 

„Wie meinst du das?“

 

„Du sagst doch immer, ich brauch Struktur. Dass du mich da durchboxt.“

 

„Dein Vater ist da.“

 

„Paps ist super. Aber du bist halt du.“

 

Katja schob den Einkaufszettel exakt an die Tischkante.

„Ich will nur, dass es euch gut geht.“

 

„Aber geht’s dir auch gut dabei?“

Der Stift knirschte. Sie drückte zu fest auf das Papier.

 

„Mama“, sagte Jonas leiser, „du rennst immer schon los, bevor jemand fällt. Aber merkst du nicht? Hier fällt keiner mehr.“ 

 

„Und wenn doch?“

 

Er zuckte mit den Schultern. „Dann stehen wir halt wieder auf. Wir sind alt genug dafür.“

 

Sie griff nach seinem Ärmel, suchte nach einem Fleck, einem Faden, irgendetwas zum Festhalten.

 

„Ich habe solche Angst, einen Fehler zu machen“, gestand sie. „Etwas kaputt zu machen.“

 

„Und Afrika wäre ein Fehler?“

 

„Ich glaube, ich wüsste nicht mehr, wer ich bin, wenn ihr mich nicht braucht.“

 

Jonas sah sie an. Er war fast so groß wie Tom.

 

„Vielleicht wär’s mal spannend, das rauszufinden.“ Er beugte sich wieder über seine Bücher und schrieb weiter.

 

In der Nacht lag Katja wach. Sie stellte sich Nairobi vor. Einen Raum, in dem niemand „Mama“ ruft. Drei Monate, in denen sie nicht zuerst reagieren musste. Und dann stellte sie sich vor, sie löscht die Mail. Dass alles bleibt, wie es ist.

 

Beide Gedanken fühlten sich an wie ein Sprung. In entgegengesetzte Richtungen.

 

Am nächsten Morgen öffnete sie die Mail erneut. Der Cursor blinkte geduldig.

Sie legte die Hände auf die Tastatur, nahm sie wieder weg. Im Wohnzimmer lachte Florian. Ein helles, unbeschwertes Lachen. Kein Husten dazwischen.

Katja hörte es. Sie blieb sitzen.

 

Sie tippte.
 

Löschte.
 

Tippte erneut.

 

Der Cursor blinkte.
 

Sie atmete aus.

 

Als sie fertig war, blieb der Bildschirm einen Moment lang still. Sie las den Text nicht noch einmal.

Dann schob sie den Laptop von sich weg. Der Deckel schloss sich leise.

In der Küche lag der Einkaufszettel. Milch. Brot. Tomaten.
Darunter, etwas kleiner geschrieben, ein weiteres Wort.

Sie strich es nicht durch.

 

Im Wohnzimmer rief Florian: „Mama, guck mal!“

 

Katja stand nicht sofort auf. Sie spürte das Gewicht ihrer Hände auf den Knien. Sie waren ruhig.

 

Sie atmete ein.

 

Dann ging sie.

 

 

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. 

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

 

 

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