Ein Anruf verändert alles
Wie jeden Morgen ging ich ins „Café Augustiner“.
Der Tag hatte früh begonnen – zu früh. Ich hatte wieder kaum geschlafen; zu lange wachgelegen, den Verkehr draußen gehört und die Gedanken drinnen. Irgendwann gegen sechs hielt ich es nicht mehr aus. Ich machte mir in der Küche einen schnellen Kaffee, ließ ihn auf dem Balkon auskühlen und starrte in die Dämmerung, bis die Tasse leer war. Dann zog ich die Lederjacke über, steckte mein Handy ein, nahm mein Notizbuch vom Tisch – darin landeten normalerweise die ersten Gedanken zu neuen Fällen – und trat hinaus in den frühen Morgen.
Es war die Stunde, in der sich der Himmel noch nicht zwischen Licht und Dunkel entschieden hatte und beides nebeneinander existierte. Im Westen lag er taubengrau, im Osten schimmerte er in goldgeränderten Wolken.
Überraschend viele Menschen drängten sich bereits durch die schmalen Gassen der Erfurter Altstadt. Das jahrhundertealte Kopfsteinpflaster, uneben gesetzt und von Generationen glatt getreten, zwang sie zum langsamen Schritt. Männer in Anzügen mit Kaffeebechern, Frauen mit Aktentaschen, ein paar Handwerker in verstaubten Hosen – alle unterwegs, als hätte der Tag sie längst eingeholt.
Ein junges Paar blieb kurz stehen und küsste sich, bevor sie in verschiedene Richtungen auseinandergingen. Ein älterer Herr radelte vorbei, tief in Gedanken versunken. Und irgendwo sang ein Straßenmusiker zur Gitarre – nicht besonders gut, aber laut genug, um gehört zu werden.
Ich setzte mich draußen an meinen gewohnten Platz vor dem Fenster. Von dort aus konnte ich ins Innere des Cafés sehen und gleichzeitig das Treiben auf der Straße beobachten. Der Geruch nach Kaffee, Zimt und warmen Croissants hing in der Luft, und für einen Moment tat ich so, als wäre alles in Ordnung.
Seit ich Hamburg verlassen hatte, schien Erfurt der Gegenpol zu allem, was ich kannte: Dort das Gedränge am Hafen, das Geschrei auf dem Fischmarkt, eine Luft schwer von Salz und Diesel. Hier roch es nach Zucker und Geborgenheit – fast zu friedlich, um echt zu sein. Unterschiedlicher konnten zwei Städte kaum sein. Vielleicht hatte ich genau deshalb Erfurt gewählt, als könnte die Verkleinerung der Welt das Chaos in mir ordnen.
Eine Weile saß ich einfach da und beobachtete das Treiben auf der Straße.
Anne stellte mir wortlos eine frische Tasse hin. Ich schenkte ihr ein flüchtiges Lächeln. Auf dem Tisch lag das übliche Bild meines Stillstands: ein halb gegessenes Brötchen, das längst seine Anziehungskraft verloren hatte, mein aufgeschlagenes Notizbuch, in dem noch kein Wort stand, und eine Zeitung, die ich nicht gelesen hatte.
Mein Handy vibrierte in der Hosentasche. Ich zog es heraus, sah auf das Display – Daniel. Mein Partner bei Freytag Investigation. Eigentlich hätte ich ihn schon vor einer Stunde im Büro treffen sollen, aber ich ließ das Handy wieder in der Tasche verschwinden. Nicht jetzt.
Stattdessen griff ich in die Innentasche meiner alten Lederjacke. Das Foto fühlte sich rau und vertraut zwischen meinen Fingern an. Clara und ich, lachend in der Sonne, jung, unbeschwert – eine Momentaufnahme unserer Hochzeitsreise, aus einer Zeit, in der alles leicht schien. Seit fünf Jahren waren wir verheiratet.
Zwei Wochen.
So lange war es her, dass sie ihre Koffer gepackt hatte.
„Du bist immer nur physisch anwesend, Pete“, hatte sie gesagt. „Deine Arbeit, deine Fälle, deine verdammte Unnahbarkeit. Ich kann nicht länger darauf warten, dass du endlich im Hier und Jetzt ankommst.“
Sie war gegangen. Und ich hatte sie gehen lassen. Weil ich Pete Freytag blieb, der Mann, der lieber Schatten jagte als über Gefühle zu reden.
Ich starrte auf das Bild, bis die Konturen verschwammen. Für einen Moment meinte ich, ihr Lachen zu hören, irgendwo zwischen den Stimmen der Gäste und den schiefen Akkorden der Gitarre des Straßenmusikers. Aber das war wohl nur mein Kopf, der mir einen Streich spielte.
Ich faltete das Foto und schob es tiefer in die Tasche.
Der Schluck Kaffee war zu heiß. Es war mir egal. Ich warf einen Blick auf die Uhr, klappte das Notizbuch zu und stand auf.
Ich legte einen Zehner auf den Tisch, nickte Anne zu und ging in Richtung Fischmarkt. Schritte, Stimmen, Musik – das morgendliche Durcheinander. Heute fühlte es sich nur laut an.
Ich atmete tief ein und lockerte die Schultern. Würde schon helfen.
Ich hatte einen neuen Fall angenommen. Einzelheiten waren noch vage, aber das reichte. Ich brauchte Bewegung, brauchte das Gefühl, irgendwohin zu gehören.
Auf zu neuen Abenteuern.
Das Handy vibrierte erneut. Dringlich. Aggressiv. Diesmal ging ich ran.
„Ja, Daniel, ich bin auf dem Weg ins Büro …“, sagte ich genervt.
„Wo zur Hölle bist du? Warum gehst du nicht an dein verdammtes Telefon?“ Daniels Stimme klang nicht wie sonst. Sie klang brüchig, fast panisch.
„Was ist los? Hat der eifersüchtige Ehemann abgesagt?“
„Pete, vergiss den Fall. Sie haben Clara. Beweg deinen Arsch sofort hierher. Die Typen, mit denen wir uns in Hamburg eingelassen haben … sie haben sie sich geschnappt. Wir haben nur einen Hinweis gef—“
Für einen Moment war alles still. Die friedliche Erfurter Kulisse riss wie eine billige Leinwand auf. Ein eiskalter Stein landete in meiner Magengrube. Sie hatten sie sich geholt – nicht, weil sie noch bei mir war, sondern wegen meiner Vergangenheit in Hamburg. Meine Arbeit hatte sie eingeholt, obwohl sie längst weg war.
Dann begann mein Herz zu rasen.
Ich rannte los. Durch Gassen, die sich plötzlich endlos zu strecken schienen. Eine Frau mit Kinderwagen wich erschrocken zurück. Jemand rief mir etwas hinterher, aber ich hörte nur das hämmernde Blut in meinen Ohren.
Clara.
Ich lief weiter, blind vor Angst und mit einer Wut auf mich selbst, die heißer brannte als jeder Hamburger Asphalt.
🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe Du hattest beim Lesen genauso viel Freude, wie ich beim schreiben
Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen
