Wie alles begann

 

In unserem Wohnzimmer gab es ein Bücherregal mit einem losen Brett. Es trug die schweren Bücher trotzdem, auch wenn es sich in der Mitte bog wie ein müder Rücken. Meine Mutter sagte oft, wir müssten das mal reparieren, aber es passierte nie. Vielleicht, weil niemand wusste, wie. Vielleicht, weil es auch so hielt.

 

Die Bücher standen da schon, solange ich denken konnte. Dicke, dünne, zerlesene, manche mit vergilbten Seiten, andere fast neu. Sie rochen nach Staub und diesem süßlichen Papiergeruch, den Bücher haben, wenn man sie lange nicht öffnet. Niemand sprach viel über sie. Sie gehörten einfach dazu, genau wie der Couchtisch oder die Uhr, die ein wenig zu laut tickte.

Meine Eltern lasen abends. Mein Vater Krimis mit einsamen Ermittlern, die keine Freunde hatten. Meine Mutter Romane, in denen viel geliebt und noch mehr gelitten wurde. Wenn ich fragte, worum es ging, sagten beide meist dasselbe: „Ach, das ist schwer zu erklären.“

 

Also erklärte mir niemand die Geschichten; ich musste sie mir selbst holen. Ich begann, Bücher aus dem Regal zu ziehen – zuerst die dünnen, später die dicken. Ich las unter der Bettdecke mit der Taschenlampe, auf dem Klo oder auf Familienfeiern, während die Erwachsenen über Dinge sprachen, die mich nichts angingen. In den Büchern war alles klarer. Gefühle hatten Namen, Entscheidungen hatten Folgen. Menschen sagten Dinge, die sie meinten, oder litten wenigstens daran, dass sie es nicht taten.

 

An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal selbst schreiben wollte, gab es ein Gewitter. Kein dramatisches mit riesigen Blitzen, sondern ein dumpfes Grollen, als würde irgendwo jemand schwere Möbel über den Boden schieben. Ich saß auf meinem Bett, noch in Jeans und Pulli, und hatte gerade ein Buch beendet, das mich wütend machte. Nicht, weil es schlecht war, sondern weil es zu früh aufhörte. Ich wollte diese Figur nicht gehen lassen. Nicht so. Nicht jetzt. Das kann doch nicht alles gewesen sein, dachte ich. Und dann kam dieser Gedanke: Dann schreib ich eben weiter.

Gerade als ich nach meinem Schreibblock griff – er war eigentlich für Mathe bestimmt –, gab es einen lauten Knall. Es klang wie die Fehlzündung eines alten Autos. Ich öffnete die Tür zum Garten und hörte ein leises Knistern, dann ein Knacken.

 

Ich war vierzehn Jahre alt und sah, wie der Dachstuhl eines Hauses nicht weit von unserem Garten entfernt brannte – wie Flammen ein Zuhause fraßen und damit ein ganzes Leben veränderten. Ich hörte ein tiefes, bösartiges Fressen, unterbrochen vom Bersten der Ziegel, die wie Schüsse auf den Asphalt krachten. Drüben auf der Straße war alles voll mit Qualm. Die Leute von der Feuerwehr rannten mit ihren gelben Jacken durch den Rauch, sie sahen aus wie Geister.
Und dann sah ich die Nachbarn. Sie standen nur da, in ihren Hausschuhen auf dem kalten Boden, und sahen zu, wie ihr Dach nach innen krachte. Sie hatten nicht mal eine Tasche dabei. Nichts. Anwohner stürzten aus ihren Häusern. Manche halfen, brachten Decken, heiße Getränke und belegte Brötchen für die Feuerwehrleute, andere standen einfach nur da.

 

Obwohl unser Haus weit genug weg war, spürte ich die Hitze im Gesicht. Aber was blieb, war nicht nur die Wärme, sondern dieses Geräusch, dieses Krachen und Fressen, das mir im Kopf hängen blieb.

An diesem Abend konnte ich nicht schlafen. Ich lag wach und hörte auf jedes Geräusch, als könnte es wieder anfangen. Bis spät in die Nacht waren Stimmen zu hören und immer wieder dieses Scheppern, wenn Dachziegel auf die Straße fielen.

Also griff ich zu einem Buch. Nicht, weil ich lesen wollte, sondern weil ich etwas brauchte, das mich ablenkte. In Büchern brennt es zwar auch, aber man kann die Seite einfach umblättern, wenn es zu viel wird. Irgendwann bin ich darüber eingeschlafen.

 

Am nächsten Nachmittag ging ich zu dem Ruinengrundstück und entdeckte ein Buch im zusammengefegten Schutt an der Hauswand. Effi Briest. Als ich es aufhob, merkte ich, dass die letzten Seiten fehlten. Es roch versengt. Trotzdem steckte ich es ein.

Zu Hause legte ich es auf meinen Schreibtisch und starrte auf die Brandspuren. Ich wusste, dass ich in unserem Regal nachsehen konnte, wie es bei Fontane weiterging. Aber das wollte ich nicht. Ich holte mein Matheheft und begann zu schreiben, wie es für Effi hätte weitergehen können. Nicht, weil ich den Klassiker verbessern wollte, sondern weil ich sie so noch nicht gehen lassen konnte.

Als ich fertig war, ging ich ins Wohnzimmer und zog unser eigenes Exemplar aus dem Regal. Das lose Brett gab ein kleines Stück nach, wie immer. Ich hielt beide Bücher in der Hand und wusste plötzlich, was zu tun war.

Am nächsten Tag brachte ich den Nachbarn unser Buch – das mit den sauberen Seiten, ohne Brandgeruch. Sie bedankten sich leise. Sie waren froh, wenigstens ein paar Dinge retten zu können.

 

Das andere Buch, mit den von mir ersetzten Seiten und dem Geruch nach Rauch, stellte ich zurück ins Regal. Zwischen die Krimis meines Vaters und die Romane meiner Mutter. Das lose Brett senkte sich wieder ein wenig.

Und irgendwo dazwischen, mitten unter den Geschichten der anderen, trug es auch meine.

 

 

 

 

🐾 Danke, dass Du mich bei meinen ersten Anfängen begleitet hast. 

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

 

 

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