Casanova - eine Sommergeschichte

Man nennt mich Casanova.

 

Giacomo Casanova.

 

Mit dem berühmten Frauenverführer aus dem 18. Jahrhundert habe ich selbstverständlich nichts zu tun.

 

Jedenfalls nicht nachweislich.

 

Auf meinem linken Bügel steht noch der Anfang einer Marke, die vor zwanzig Jahren vermutlich einmal Eindruck gemacht hat.

 

„Ca…“ ist davon übrig geblieben.

 

Carrera, glaube ich.

 

Daher stammt zumindest der erste Teil meines Namens. Der Rest ergab sich aus meiner Persönlichkeit. Inzwischen ist die übrige Schrift fast vollständig abgerieben, eines meiner Gläser hat einen kleinen Kratzer, und mein rechtes Scharnier knarzt bei jeder größeren Bewegung.

 

Charakter, nennt man das.

 

Meine jetzige Besitzerin hat mich vor drei Tagen auf einem Flohmarkt entdeckt.

 

„Vintage“, hat die Verkäuferin gesagt.

 

„Zwei Euro“, hat meine Besitzerin geantwortet.

 

So viel also zu meinem Marktwert.

 

Ich hätte gern eingeworfen, dass allein meine Lebenserfahrung unbezahlbar ist. Aber niemand hört einer Sonnenbrille zu. Die Menschen setzen uns auf, legen uns ab oder lassen uns mit dem Gesicht nach unten auf irgendwelchen Tischen liegen.

 

Am schlimmsten ist der Winter.

 

Dann glauben sie plötzlich, uns nicht mehr zu brauchen, und sperren uns monatelang in irgendwelche Schachteln.

Obwohl ich zugeben muss, dass ich meistens Glück hatte. Meine früheren Besitzerinnen haben mich auf Samt gebettet.

 

Stil erkennt eben Stil.

 

Einige meiner Artgenossen hatten es weniger gut. Die mussten in dunklen Schubladen oder im Brillenfach eines Autos überwintern. Eingeklemmt zwischen Parkscheiben, alten Kassenbons und klebrigen Bonbonpapieren.

 

Zumindest haben sie mir das bei den Anonymen Sonnenbrillen erzählt.

 

Die Menschen nennen diesen Ort Fundbüro.

 

Eine unwürdige Behandlung.

 

So geht man nicht mit einer Brille von Welt um.

 

Aber genug von den traurigen Schicksalen meiner Artgenossen. Reden wir wieder über mich.

 

Schließlich habe ich schon auf einigen hübschen Nasen gesessen.

 

Ich habe tiefe Blicke gesehen, erste Küsse überstanden und einmal sogar dabei geholfen, einen verheirateten Reiseleiter unerkannt durch eine Hotellobby zu schmuggeln.

 

Eine sehr diskrete Angelegenheit.

 

Er trug mich, obwohl es mitten in der Nacht war, und behauptete später, er habe wegen einer Augenentzündung eine Sonnenbrille benötigt. Seine Frau glaubte ihm kein Wort.

 

Kluges Mädchen.

 

Einmal gehörte ich sogar zum Sicherheitsdienst einer wichtigen Persönlichkeit. Irgendeine Sängerin. Cecile Dio oder so ähnlich. Sie war offenbar ziemlich berühmt, obwohl ich bis heute nicht verstanden habe, warum alle ständig sie fotografieren wollten und nicht mich.

 

Bei einem Handgemenge vor einem Hoteleingang fiel ich zu Boden und wäre beinahe zertreten worden.

 

Ein schwarzer Lederschuh verfehlte mein linkes Glas nur um wenige Zentimeter.

Ich sehe ihn manchmal noch vor mir.

 

Manche Menschen besitzen wirklich keinerlei Gefühl für wertvolle Kulturgüter.

Ich kenne mich also aus mit Frauen, Geheimnissen und gefährlichen Situationen.

 

Dachte ich jedenfalls.

 

Nun hänge ich am Ausschnitt eines weißen T-Shirts und baumele bei jeder Bewegung meiner Besitzerin hin und her. Vor mir zieht sich die Promenade von Portixol entlang, hinter mir rauscht das Meer, und direkt neben mir befinden sich zwei erstaunlich große Möpse.

 

Ich muss gestehen: So nah war ich noch nie an welchen dran.

 

Sie rücken mir von beiden Seiten auf die Gläser und nehmen mir beinahe die Sicht.

Meine Besitzerin hätte wenigstens so viel Anstand besitzen können, mir eine Brillenkette zu kaufen oder mich in ihr samtweiches blondes Haar zu setzen, statt mich schutzlos zwischen diesen beiden Riesendingern baumeln zu lassen.

 

Einer der Möpse legt plötzlich eine Pfote auf ihren Oberschenkel.

 

Also wirklich.

 

Nun werden sie auch noch zudringlich.

 

Meine Besitzerin krault ihn hinter dem Ohr.

 

Der andere beginnt sofort zu schnaufen und drängt sich näher an sie heran. Dabei streift seine feuchte Nase beinahe meinen rechten Bügel.

 

Widerlich.

 

Offenbar besitzen Möpse keinerlei Verständnis für persönliche Grenzen.

 

Kein Benehmen.

 

Die sollte ich anzeigen.

 

Sexuelle Belästigung.

 

Eindeutig.

 

Allerdings dürfte es schwierig werden, den beiden Tätern eine Absicht nachzuweisen. Sie beachten mich nicht einmal. Als wäre ich irgendeine billige Sonnenbrille vom Flohmarkt.

 

Arrogantes Pack.

 

Meine Besitzerin sitzt auf einer niedrigen Mauer, hat die Beine übereinandergeschlagen und schleckt an einem Erdbeereis.

 

Sehr langsam.

 

Ein Tropfen löst sich von der Eiskugel und verfehlt eines meiner hübschen Gläser nur um Haaresbreite.

 

Der Brillengott muss ein Einsehen mit mir gehabt haben.

 

Bei dem mangelnden Anstand der heutigen Menschheit hätte meine Besitzerin den Fleck womöglich nicht einmal mit einem Tuch entfernt. Wahrscheinlich hätte sie ihn einfach von einem der Möpse ablecken lassen.

 

Dann hätte ich Bekanntschaft mit einer sabbernden Hundezunge machen müssen.

 

Eine entsetzliche Vorstellung.

 

An einem Tisch in der Nähe sitzt ein durchaus ansehnlicher Spanier.


Einer von diesen feurigen Caballeros, die sich für unwiderstehlich halten.
Ich erkenne so etwas. Schließlich bin ich vom Fach. Natürlich schaut er wegen mir herüber.

 

Ich bin immerhin ein ausgesprochen elegantes Modell.

 

Mit Stil und Finesse.

 

„Der glotzt schon wieder“, sagt ihre Freundin.

 

Meine Besitzerin lacht. Dabei gerate ich gefährlich ins Schaukeln und stoße erneut gegen einen der Möpse.

 

„Vielleicht gefallen ihm meine Möpse.“

 

Ihre Möpse?

 

Also bitte.

 

Ich beobachte, wie er etwas auf einen Zettel kritzelt. Dann lehnt er sich zurück, wirft einen kurzen Blick auf sein Spiegelbild im Schaufenster und streicht sich mit einer Hand über das Hemd.

 

Natürlich.

 

Ein Caballero überlässt nichts dem Zufall.

 

Er erhebt sich, richtet die Schultern und kommt mit diesem langsamen, selbstsicheren Schritt zu uns herüber, den Männer benutzen, wenn sie glauben, die ganze Promenade würde ihnen gehören.

 

Ich richte mich innerlich auf.

 

Endlich jemand mit Geschmack.

 

Vielleicht wird er ihr sagen, wie ausgezeichnet die Sonnenbrille zu ihrem Teint passt.

 

Er bleibt vor ihr stehen.

 

„Perdone, señorita“, sagt er. „Ihre Brille fällt gleich herunter.“

 

Seine Hand bewegt sich auf mich zu.

 

Na also.

 

Ich wusste doch, dass zwischen uns etwas ist.

 

Doch bevor er mich berühren kann, greift meine Besitzerin nach mir, setzt mich auf ihre Nase und lächelt ihn über meinen oberen Rand hinweg an.

 

„Gerettet“, sagt sie.

 

Ich blicke in ein strahlendes, leicht schiefes Lächeln.

 

Und plötzlich verstehe ich.

 

Er wollte gar nicht mich.

 

Unfassbar.

 

Durch meine dunklen Gläser sehe ich, wie er ihr den Zettel mit seiner Telefonnummer reicht und ihr dabei verschwörerisch zuzwinkert.

 

Na schön.

 

Soll sie ihren Spaß haben.

 

Aber wenn sie mich beim ersten Kuss wieder zwischen diese Möpse steckt, suche ich mir eine neue Besitzerin.

 

 

Und ihr Lieben?

 

Wisst ihr eigentlich, wo sich eure Sonnenbrille gerade befindet?

Liegt sie ordentlich in ihrem Etui, schlummert sie im Brillenfach eures Autos oder wartet sie seit dem letzten Sommer irgendwo darauf, wiedergefunden zu werden?

 

Und noch viel wichtiger:

 

Was hätte sie wohl über euch zu erzählen? 😎 Schreibt mir gerne eine E Mail.

 

 

 

 

 

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe Du hattest beim Lesen genauso viel Freude,          wie ich beim schreiben

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

Casanova – eine Sommergeschichte

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