Schreibstübchen - falscher Koffer

Der Koffer, der mich kannte

Teil 1

 

Als ich den Koffer öffnete, ärgerte ich mich zunächst nur über die fremde Kleidung.

 

Dann fand ich das Foto.

 

Dabei hatte ich schon im Zug vom Flughafen nach Hause das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte. Der Koffer war schwarz, mittelgroß, mit einer leichten Delle neben dem Griff – genau wie meiner. Ich hätte schwören können, dass mein Gepäck schwerer gewesen war. Schließlich hatte ich mir im Urlaub noch drei Taschenbücher gekauft, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, diesmal ohne zusätzlichen Ballast zu reisen.

 

Aber nach vierzehn Stunden Rückreise traute ich nicht einmal mehr meinen eigenen Armen.

 

Also hatte ich den Koffer aus der Gepäckablage gezogen, ihn ins Auto gewuchtet und zu Hause auf das Bett geworfen. Erst als der Reißverschluss nachgab, stieg mir der fremde Geruch entgegen.

 

Keine Sonnencreme. Kein ausgelaufenes Shampoo. Nicht einmal der abgestandene Geruch nach getragener Urlaubswäsche.

 

Der Koffer roch nach getrocknetem Lavendel.

 

Obenauf lag ein schwarzes Kleid, sorgfältig gefaltet und in dünnes Seidenpapier eingeschlagen. Es war schlicht, hochgeschlossen und fühlte sich kühl zwischen meinen Fingern an.

 

Ich hielt es vor mich.

 

Es sah aus, als könnte es mir passen.

 

Warum ich es tatsächlich anzog, wusste ich selbst nicht. Vielleicht, weil meine eigenen Sachen gerade mit einem Fremden durch die Republik fuhren und ich mich nach etwas Sauberem sehnte. Vielleicht wollte ich auch nur wissen, ob mein Augenmaß mich täuschte.

 

Das tat es nicht.

 

Das Kleid glitt ohne Widerstand über meine Schultern. Die Schulternähte saßen genau dort, wo sie sollten, und die Ärmel endeten an meinen Handgelenken.

 

Ich drehte mich vor dem Spiegel.

 

„Na wunderbar“, murmelte ich in die stille Wohnung. „Wenigstens hat die falsche Person meinen Körperbau.“

 

Ich zog das Kleid wieder aus und schlüpfte zurück in mein zerknittertes T-Shirt. Unter dem Seidenpapier kam ein einzelner roter Kinderschuh zum Vorschein.

 

Das Leder war matt und an der Spitze tief abgeschürft. Die Schnürsenkel mussten einmal weiß gewesen sein, inzwischen waren sie grau. Auf der Innenseite stand in verblasster Tinte ein Name:

 

Laura.

 

Ich redete mir ein, dass Laura kein seltener Name war. Ein Modename der Neunziger. Tausende Mädchen hatten damals rote Lauflernschuhe getragen.

Trotzdem setzte ich mich auf die Bettkante und schloss die Finger um das brüchige Leder.

 

Für einen kurzen Moment sah ich helle Fliesen vor mir. Ich hörte das scharfe Kreischen von Metall auf Metall und eine Frauenstimme, getrieben von Hektik:

 

Schau nicht zurück.

 

Dann war das Bild wieder verschwunden.

 

Ich blinzelte und rieb mir über die Augen. Übermüdung. Zu viel Kaffee, zu wenig Schlaf. Nichts weiter.

 

Unter dem Schuh lag ein alter Messingschlüssel, schwer und kalt. Der runde Anhänger trug die eingestanzte Zahl 17. Er gehörte zu keinem modernen Zylinderschloss. Eher zu einer alten Pension an einem Ort, den man schnell wieder verlassen musste.

 

Ganz unten lagen fünf Briefe. Alle waren an dieselbe Frau adressiert:

 

Elena Bergmann.

 

Meine Mutter.

 

Ich ging mit den Umschlägen zum Fenster. Das Nachmittagslicht ließ das Papier gelblich erscheinen. Die Briefe waren im Abstand von jeweils einem Jahr abgeschickt worden. Die wechselnden Absenderadressen und Poststempel führten von Lindau über Salzburg, Prag und Hamburg bis nach Kopenhagen.

 

Keiner war geöffnet worden. Quer über jede Adresse zog sich derselbe Vermerk:

 

An Absenderin zurück. Annahme verweigert.

 

Ich fuhr mit dem Daumen über die Kante des obersten Umschlags. Warum hatte meine Mutter fünf Briefe ungeöffnet zurückgehen lassen? Wer hatte ihr jedes Jahr aus einer anderen Stadt geschrieben? Und weshalb lagen sie im Koffer einer Fremden, die einen roten Kinderschuh mit meinem Namen aufbewahrte?

 

Ich zog das Handy aus der Hosentasche und rief die Nummer meiner Mutter auf. Mein Finger schwebte über dem grünen Hörer.

Was sollte die erste Frage sein?

Ich tippte auf das Symbol, legte aber auf, bevor es am anderen Ende klingelte.

 

Noch nicht.

 

Zuerst wollte ich wissen, ob sich im Koffer etwas befand, das mir eine Antwort gab, ohne dass ich danach fragen musste.

 

Ich tastete das Innenfutter der Kofferabdeckung ab und öffnete die schmale Seitentasche. Darin steckte ein Foto.

 

Es war schwarz-weiß und an den Ecken gewellt. Eine junge Frau stand vor einer mächtigen Bahnhofsfassade. Der Wind hatte ihr dunkles Haar ins Gesicht geweht. Auf dem Arm hielt sie ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, in einer hellen Jacke.

 

Das Kind trug nur einen roten Schuh. Der andere Fuß steckte in einer verrutschten Socke.

 

Über der linken Augenbraue zeichnete sich eine schmale, helle Linie ab.

 

Meine Narbe.

 

Ich setzte mich zurück auf die Bettkante.

 

Das Mädchen auf dem Foto war ich.

 

Die Frau, die mich hielt, hatte ich noch nie zuvor gesehen.

 

Mit klammen Fingern drehte ich das Foto um. Auf der Rückseite standen zwei Zeilen in einer schmalen, sorgfältigen Handschrift:

 

Lindau, 17. Mai 1999

Der Tag, an dem ich Laura verlor.

 

In diesem Moment vibrierte das Handy in meiner Handfläche.

Meine Mutter rief zurück.

 

Ich starrte auf das Display, bis das Klingeln beinahe verstummte. Dann nahm ich ab.

 

„Laura?“ Ihre Stimme klang besorgt. „Du hast gerade angerufen.“

 

Ich presste das Telefon ans Ohr. Meine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an.

 

„Mama, ich habe hier ein Foto.“

 

Am anderen Ende blieb es still. Ich hörte nur ihren Atem.

 

„Was für ein Foto?“

 

„Darauf hält mich eine Frau im Arm. Vor dem Bahnhof in Lindau.“

 

Meine Mutter zog scharf die Luft ein. Keine überraschte Nachfrage. Kein Zweifel daran, dass ich mich vielleicht irrte.

 

Sie wusste genau, von welchem Bild ich sprach.

 

„Wer ist die Frau?“, fragte ich.

 

Sie antwortete nicht.

 

„Sag mir einfach, wer sie ist.“

 

Ihr Atem ging unruhig und flach.

 

„Sie heißt Miriam.“

 

„Und wer ist Miriam?“

 

„Meine Schwester.“

 

Ich sah auf den kleinen roten Schuh, der auf der Bettdecke lag.

 

„Warum hat deine Schwester ein Foto von mir?“

 

Wieder schwieg meine Mutter. Als sie schließlich antwortete, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

 

„Weil du auf diesem Bild nicht bei deiner Tante bist.“

 

Ich umklammerte das Telefon fester.

 

„Das ist deine Mutter.“

 

 

Fortsetzung folgt …

Alle Texte auf dieser Seite unterliegen dem Urheberrecht.
© 2026 schreibfeder-thueringen.de Alle Rechte bleiben bei mir.
Bitte kopiere sie nicht, verbreite sie nicht weiter und gib sie nicht als deine eigenen aus – weder im Netz noch auf Papier.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.