Hier öffnen
Das Knistern des illegalen Lagerfeuers war das einzige Geräusch auf der kleinen Lichtung im Thüringer Wald. Ringsum standen Fichten, Buchen und vereinzelte Kiefern so dicht gegen den Abendhimmel, als wollten sie die Zivilisation kilometerweit aussperren. Es roch nach feuchtem Moos, verrottendem Laub und dem süßlichen Rauch der Zapfen, die Harry gesammelt hatte.
Eigentlich war es perfekt. Romantisch. Genau das, was Harry versprochen hatte, als er Sally zu diesem spontanen Wildcamping-Wochenende überredete. Kein WLAN, keine nervigen Nachbarn, keine Termine. Nur sie beide, die Natur und ein Mann, der seit ihrer Ankunft so tat, als hätte er persönlich das Überleben erfunden.
Sally zog die Beine an den Körper und kuschelte sich tiefer in ihre Fleecejacke. Sie beobachtete Harry, der auf einem umgestürzten Baumstamm saß. Das flackernde Orange der Flammen tanzte auf seinem Gesicht und verlieh ihm den heroischen Ausdruck eines Trappers aus einem alten Abenteuerroman.
Leider hatte dieser Trapper vor zehn Minuten bereits gegen eine Packung Gouda verloren. Die Aufreißlasche hatte sich sauber von der Folie gelöst, ohne auch nur den geringsten Schaden anzurichten. Sally wollte nicht lachen. Wirklich nicht. Aber Harry sah den unversehrten Käse an, als hätte die Packung gerade seine Ehre verletzt.
Immerhin ließ sich der Wein öffnen. Harry drehte den Schraubverschluss mit einer Lässigkeit auf, als hätte er gerade Feuer aus zwei nassen Steinen geschlagen, und schenkte Sally einen Schluck in den Ikea-Becher.
„Siehst du“, sagte er. „Man muss nur wissen, wie man mit Dingen umgeht.“
Sally nahm den Becher entgegen und hob eine Augenbraue.
„Harry, das war ein Schraubverschluss.“
„Trotzdem. Technik ist Technik.“
Er griff nach den Mini-Kabanossi, die neben dem noch immer verschlossenen Gouda lagen, und zog sie mit einer entschlossenen Bewegung zu sich heran. Auf der Vorderseite versprach ein roter Pfeil: Hier öffnen.
Sally beugte sich ein Stück vor.
„Willst du vielleicht vorher eine Beziehung zu ihr aufbauen?“
„Sehr witzig.“
Harry suchte die kleine Ecke, an der die beiden Folienlagen angeblich voneinander getrennt werden sollten. Angeblich. Er verengte die Augen, rieb mit dem Daumen darüber und fand schließlich eine winzige Lasche, so dünn und durchsichtig, dass sie offenbar nur für Menschen mit Adleraugen und chirurgischer Geduld existierte.
„Da“, sagte er triumphierend.
„Ich bin beeindruckt.“
„Das solltest du auch sein.“
Er zog. Die Folie dehnte sich. Einen Moment lang sah es gut aus. Dann gab sie mit einem leisen, endgültigen Schnappen nach und blieb zwischen seinen Fingern hängen. Die Kabanossi blieben unter Verschluss. Harry starrte auf das abgerissene Stück Plastik.
Sally trank einen Schluck Wein.
„Vielleicht“, sagte sie vorsichtig, „sind sie noch nicht bereit.“
„Ich frage mich, welcher Mensch auf die Idee kommt, eine Aufreißlasche zu erfinden, die beim Aufreißen aufgibt“, sagte Harry und griff nach dem Taschenmesser.
„Vielleicht ist das ein Test“, sagte Sally. „Nur wer würdig ist, bekommt Wurst.“
„Sehr lustig.“
Er setzte die Spitze des Messers an die verschweißte Kante und schnitt das Plastik mit einer Entschlossenheit auf, die für acht Mini-Würstchen ein wenig übertrieben wirkte. Immerhin gab die Hülle nach. Nicht schön, nicht sauber, aber offen. Harry zog eines der kleinen Würstchen heraus und hielt es Sally hin.
„Bitte. Abendessen.“
„Ich bin gerührt.“
Sie nahm die Kabanossi, biss hinein und griff nach dem Schmelzkäse. Auf dem Deckel stand in freundlichen blauen Buchstaben: Leicht zu öffnen.
Sally sah Harry an. Harry sah Sally an.
„Das ist eine Drohung“, sagte sie. Sie nahm das Brot sowie ein Messer aus dem mitgebrachten Proviantkorb und zog an der Lasche.
Der Deckel riss einen halben Zentimeter auf, gerade genug, um Hoffnung zu machen, und klebte dann fest, als hätte ihn jemand mit Industrieleim versiegelt. Sally versuchte es mit einem Fingernagel an einer anderen Stelle.
Die Folie gab ein schmatzendes Geräusch von sich, riss an einer völlig falschen Stelle ein und legte eine schmale, käseverschmierte Öffnung frei.
„Na wunderbar“, sagte Sally.
„Soll ich?“
„Nein.“
Sie steckte den Zeigefinger in den Spalt, fummelte unter der Folie herum und versuchte, den Deckel irgendwie zu lösen. Als sie ihn endlich abbekam, klebte Schmelzkäse an ihrem Finger, am Handrücken und aus irgendeinem unerklärlichen Grund auch an ihrer Jacke.
Harry betrachtete sie zufrieden.
„Du siehst ein bisschen aus wie ein Schwein.“
„Charmant.“
„Und dreckig bist du auch.“
Sally hielt ihm den käseverschmierten Finger vors Gesicht.
„Sag das später noch mal, wenn du schläfst.“
Harry hob beschwichtigend beide Hände.
„Ich sage gar nichts mehr.“
„Eine weise Entscheidung.“
Sally wischte den Käse an einer Serviette ab, die danach aussah, als hätte sie einen medizinischen Notfall hinter sich, und griff nach dem Brot. Für einen Moment war es fast gemütlich. Feuer, Wein, Kabanossi, Schmelzkäse. Ein bisschen klebrig vielleicht, aber romantisch, wenn man die Ansprüche niedrig genug ansetzte.
Dann entdeckte Harry die Suppendose.
Sie stand zwischen zwei Äpfeln und einer Tüte Salzstangen und wirkte auf eine Weise harmlos, die Sally inzwischen misstrauisch machte.
„Nein“, sagte sie.
Harry sah auf.
„Was?“
„Nicht diese Dose.“
„Sally, das ist Suppe.“
„Eben.“
Er nahm sie heraus und hielt sie hoch. Auf dem Deckel glänzte eine silberne Lasche. Sally stellte ihren Becher ab.
„Harry.“
„Was denn?“
„Leg sie weg.“
„Wir haben Brot. Wir haben einen Topf. Wir haben Feuer. Das hier ist der
erste durchdachte Moment dieses Abends.“
Er stellte den kleinen Campingtopf auf den flachen Stein neben der Feuerstelle, setzte die Dose davor und hakte den Zeigefinger in die Lasche.
„Bitte mach langsam“, sagte Sally.
„Ich bin die Ruhe selbst.“
Er zog. Die Lasche stellte sich auf, gab ein vielversprechendes Knacken von sich und löste sich dann sauber vom Deckel. Die Dose blieb geschlossen. Harry hielt den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger.
Sally sah ihn an. Harry sah die Dose an. Sally presste die Lippen zusammen.
„Sag nichts“, sagte er.
„Ich atme nur.“
„Auch das klingt vorwurfsvoll.“
Er legte die abgerissene Lasche neben den Käse, griff nach dem Taschenmesser und klappte die Klinge aus. Sally setzte sich etwas gerader hin.
„Harry. Hast du keinen Dosenöffner dabei?“
„Warum, die hatte doch ne Lasche?“
„Vielleicht essen wir einfach Brot.“
„Wir haben Suppe.“
„Wir haben eine verschlossene Dose Suppe.“
„Noch.“
Er setzte die Messerspitze an den Rand des Deckels. Das Metall gab nicht nach. Harry drückte fester. Die Dose kippelte auf dem Stein, fing sich wieder, rutschte ein Stück zur Seite.
„Vielleicht stellst du sie auf den Boden“, sagte Sally.
„Ich habe sie im Griff.“
Natürlich hatte er sie nicht im Griff. Er hielt die Dose mit der linken Hand fest, holte mit der rechten ein wenig zu viel Schwung und rammte die Klinge in Richtung Deckel. Das Messer traf das Metall, schrammte kreischend daran entlang und glitt seitlich ab.
Direkt über seinen Finger.
Für einen Moment war alles still. Harry sah auf seine Hand. Sally sah auf seine Hand. Dann trat das Blut hervor, erst als dünne rote Linie, dann schneller, viel schneller, als Sally lieb war.
„Oh“, sagte Harry. Seine Stimme klang klein.
„Nicht hingucken“, sagte Sally sofort.
„Ich gucke nicht.“
„Du guckst direkt drauf.“
„Ja“, sagte Harry. „Das war ein Fehler.“
Er wurde blass. Nicht ein bisschen blass. Nicht romantisch blass im Feuerschein. Sally stellte den Becher Wein ab und griff nach seinem Arm.
„Harry?“
„Mir ist kurz ein bisschen …“
Er brachte den Satz nicht zu Ende. Seine Augen rollten nicht dramatisch weg, aber sie verloren diesen heldenhaften Trapper-Ausdruck sehr überzeugend.
Sally packte ihn an der Schulter.
„Nein. Nein, nein. Du bleibst jetzt hier.“
Harry schwankte. Die Suppendose stand ungerührt vor ihnen, noch immer geschlossen.
„Erste-Hilfe-Set“, murmelte Sally.
„Im Rucksack“, sagte Harry schwach. „Vordere Tasche. Rot. Sehr professionell.“
„Natürlich.“
Sie riss den Rucksack zu sich heran, fand das kleine rote Täschchen und zog es auf. Pflaster, Mullbinde, Desinfektionstuch, eine winzige Schere, die aussah, als könne sie höchstens ein schlechtes Gewissen durchtrennen, und ein steril verpacktes Kompressen Päckchen.
Sally griff nach der Kompresse. „Hier aufreißen“, stand auf der Ecke.
Sally lachte einmal kurz auf. Es klang nicht fröhlich.
„Was ist?“, fragte Harry.
„Nichts. Nur ein alter Feind.“
Sie zog an der markierten Stelle. Nichts geschah. Sie zog stärker. Die Verpackung dehnte sich, knisterte beleidigt und riss schließlich an der Seite ein. Nicht oben, wo sie sollte. Nicht sauber. Nicht hilfreich. Die Kompresse rutschte aus der Folie, machte einen kurzen, völlig unnötigen Ausflug durch die Luft und landete direkt neben Sallys Schuh im feuchten Waldboden.
Für einen Moment starrten beide darauf.
„Die ist noch gut“, sagte Harry.
„Du bist still.“
Sally hob die Kompresse zwischen Daumen und Zeigefinger auf, klopfte einen Tannennadelrest ab und presste sie gegen seine Hand, obwohl von steril nach ihrem kurzen Ausflug in den Dreck keine Rede mehr sein konnte.
Harry verzog das Gesicht.
„Wo ist dein Handy?“, fragte Sally.
Harry hob den Kopf. Sein Gesicht hatte inzwischen ungefähr die Farbe des Schmelzkäses angenommen.
„Im Auto.“
„Warum ist dein Handy im Auto?“
„Weil wir offline sein wollten.“
Sally starrte ihn an.
„Harry.“
„Romantik“, murmelte er. Er schloss die Augen.
Sally griff nach der Taschenlampe, die neben dem Proviantkorb lag, und schaltete sie ein. Ein matter, gelblicher Lichtkegel fiel über den Boden, zitterte kurz und wurde schwächer.
„Nein“, sagte Sally. Die Lampe flackerte. Sie schlug sie gegen ihr Bein. „Nein, nein, nein.“
Harry öffnete ein Auge.
„Ich habe Ersatzbatterien.“
„Natürlich hast du Ersatzbatterien.“
„In der Seitentasche des Rucksacks.“
Sally riss die Seitentasche auf und fand zwei neue Batterien. Eingeschweißt in eine Hartplastikverpackung, so glatt, fest und unnachgiebig, als sei sie nicht für Batterien gedacht, sondern für die sichere Verwahrung radioaktiver Stoffe.
Sally hielt die Packung hoch. Harry blinzelte.
„Die waren im Angebot.“
„Harry.“
„Was?“
„Diese Verpackung braucht eine Schere.“
Er sah auf seine blutige Hand. Dann auf das Taschenmesser. Dann wieder auf Sally.
„Technisch gesehen“, sagte er schwach, „haben wir ein Messer.“
Sally atmete sehr langsam ein.
„Technisch gesehen“, sagte sie, „haben wir gleich auch eine Leiche.“

