Die Tankstelle
Die Tankstelle war geöffnet.
Das war das Erste, was nicht stimmte.
Pete kannte diese Strecke. Nachts war hier nichts offen. Nie. Kein Licht, kein Personal, nicht einmal ein Automat. Und trotzdem brannte jetzt das Schild über dem Dach, als wäre es nie anders gewesen.
Er fuhr langsamer.
Der Tank war nicht leer. Er hatte keinen Grund anzuhalten.
Und doch tat er es.
Später würde er nicht mehr sagen können, warum.
Vielleicht war es das Licht. Vielleicht die Gewohnheit eines Detektivs, Hinweisen zu folgen, auch wenn sie noch keine waren. Oder vielleicht einfach dieses Gefühl, das sich leise hinter seinen Gedanken festsetzte:
Hier stimmt etwas nicht.
Der Kies knirschte unter den Reifen, als er auf den Platz rollte. Alles wirkte sauber. Zu sauber. Keine Zigarettenstummel, keine Ölflecken, kein Müll.
Wie eine Tankstelle, die nie benutzt worden war.
Pete stieg aus.
Die Luft roch nicht nach Benzin.
Sondern nach Metall.
Er ging ein paar Schritte auf den Shop zu, blieb dann stehen. Neben der Zapfsäule lag ein Schraubenschlüssel.
Er hätte ihn übersehen können. Ein normales Werkzeug, nichts Besonderes. Und doch lag er so … platziert.
Nicht fallen gelassen.
Nicht vergessen.
Hingelegt.
Pete sah sich um.
Niemand.
Er bückte sich und hob den Schraubenschlüssel auf.
Das Metall war warm.
Das war das Zweite, was nicht stimmte.
Er ließ ihn nicht los. Stattdessen ging er zur Tür des Shops und drückte sie auf.
Ein leises Klingeln.
Drinnen war niemand.
Die Regale waren gefüllt und ordentlich sortiert. Kaffee lief durch eine Maschine, als hätte gerade jemand auf den Knopf gedrückt. Zwei Pappbecher standen daneben.
Einer war halb voll.
Pete trat näher.
Der Kaffee dampfte.
Langsam, ganz langsam, drehte er den Kopf zur Glasfront.
Draußen, genau dort, wo sein Auto stehen sollte –
stand kein Auto.
Pete blinzelte.
Der Platz war leer.
Kein Motorgeräusch. Keine offene Tür. Nichts.
Nur die Zapfsäulen im Licht.
Und auf dem Boden davor –
lag ein Schraubenschlüssel.
Pete sah auf seine Hand.
Leer.
Er atmete aus. Kurz. Kontrolliert.
„Okay“, sagte er leise. „Das ist neu.“
Hinter ihm klickte etwas.
Er drehte sich um.
Die Kaffeemaschine war ausgegangen.
Und im Spiegel hinter dem Tresen stand jemand.
Nicht im Raum.
Nur im Spiegel.
Reglos.
Direkt hinter ihm.
Pete bewegte sich nicht.
Sein Blick blieb an der Spiegelung hängen.
Langsam hob die Gestalt den Arm.
In der Hand –
ein Schraubenschlüssel.
Sie stand direkt hinter ihm. Den Schraubenschlüssel hielt sie locker in der rechten Hand, als wäre er nichts weiter als ein Werkzeug, das sie gleich wieder in eine Schublade legen würde.
Pete sah auf seine leere Hand.
Dann durch die Glasfront.
Draußen lag der Schraubenschlüssel noch immer vor der Zapfsäule.
Und gleichzeitig hielt die Gestalt im Spiegel einen in der Hand.
Vielleicht war es nicht derselbe. Vielleicht lagen an dieser Tankstelle zufällig mehrere identische Schraubenschlüssel herum.
Pete glaubte nicht, dass ihm innerhalb weniger Minuten zufällig drei identische Schraubenschlüssel begegneten.
„Wenn Sie mir etwas sagen wollen“, sagte er, „wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.“
Die Gestalt reagierte nicht.
Pete drehte sich um.
Hinter ihm war niemand.
Er sah hinter den Tresen und zwischen die Regale, obwohl das lächerlich war. Ein erwachsener Mensch mit einem Schraubenschlüssel verschwand nicht einfach zwischen Kaugummis und Motoröl.
Als Pete wieder in den Spiegel blickte, stand die Gestalt noch immer da.
Nur näher.
Viel näher.
Das Licht über dem Tresen flackerte. Für einen Moment fiel es auf das Gesicht.
Pete hörte auf zu atmen.
Er kannte dieses Gesicht.
Es war seins.
Nicht ganz so, wie er es jeden Morgen im Badezimmerspiegel sah. Die Haut wirkte fahl. Über der linken Schläfe verlief eine dunkle Blutspur. Das Hemd war an der Schulter zerrissen, und in den Augen lag etwas, das Pete an sich selbst nicht kannte.
Angst.
„Okay“, sagte er leise. „Das gefällt mir noch weniger.“
Die Spiegelung hob den Schraubenschlüssel.
Langsam setzte sie das Metall an die Spiegelfläche.
Ein schabendes Geräusch erfüllte den Shop. Pete verzog das Gesicht. Der Laut ging ihm durch die Zähne, obwohl auf seiner Seite nichts den Spiegel berührte.
Vor seinen Augen erschienen helle Kratzspuren. Sie formten Buchstaben. Einen nach dem anderen:
STEIG NICHT EIN.
Pete las den Satz zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Wo soll ich nicht einsteigen?“
Die Gestalt sah an ihm vorbei zur Glasfront.
Draußen flammten zwei Scheinwerfer auf.
Pete fuhr herum.
Sein Wagen stand wieder vor der Zapfsäule.
Genau dort, wo er ihn abgestellt hatte.
Die Fahrertür war geschlossen. Hinter der Windschutzscheibe war niemand zu erkennen.
Vor der Zapfsäule lag noch immer der Schraubenschlüssel.
Dann sprang der Motor an.
Pete trat näher an die Glasfront.
„Das ist mein Auto.“
Aus den Lautsprechern im Shop erklang ein leises Knacken. Musik setzte ein, verzerrt und viel zu langsam. Pete kannte das Lied, konnte aber nicht sagen, woher.
Im selben Moment klingelte ein Telefon.
Er drehte sich um.
Am Ende des Tresens stand ein beiges Telefon mit einer Wählscheibe.
Pete war sich sicher, dass es vorher nicht dort gestanden hatte.
Es klingelte erneut.
„Natürlich“, murmelte er. „Was auch sonst.“
Beim dritten Klingeln nahm er den Hörer ab.
„Ja?“
Zuerst hörte er nur ein Rauschen.
Dann eine Stimme.
„Pete?“
Er umfasste den Hörer fester.
„Clara?“
„Endlich. Warum gehst du nicht an dein Handy?“
Pete griff in seine Jackentasche und zog es hervor. Er drückte die Taste an der Seite. Das
Display leuchtete auf.
Der Akku war fast voll.
Kein eingehender Anruf. Kein verpasster Anruf. Statt der Empfangsbalken erschien oben nur ein durchgestrichener Kreis.
„Weil du offenbar beschlossen hast, mich auf einem Telefon anzurufen, das wahrscheinlich älter ist als ich.“
„Ich habe deine Handynummer gewählt.“
Pete betrachtete die Wählscheibe.
„Dann solltest du vielleicht mit deinem Anbieter sprechen.“
„Wo bist du?“
Er sah wieder hinaus. Sein Wagen stand noch immer vor der Zapfsäule. Der Motor lief ruhig, die Scheinwerfer warfen zwei helle Kegel auf den Kies.
„An einer Tankstelle.“
„Um diese Zeit?“
„Das war auch mein erster Gedanke.“
„Welche Tankstelle?“
Pete nannte ihr den letzten Ort, durch den er gefahren war.
„Etwa fünf Kilometer hinter Hohenfeld, auf der Landstraße Richtung Waldkirchen. Kurz nach der alten Bahnbrücke.“
Am anderen Ende hörte er das Klackern einer Tastatur. Clara saß vermutlich vor ihrem Laptop und suchte die Strecke ab.
„Mein Auto war übrigens kurz verschwunden“, fügte Pete hinzu.
Das Klappern hörte auf.
„Dein Auto war was?“
„Weg.“
„Und jetzt?“
„Ist es wieder da.“
Eine kurze Pause.
„Natürlich“, sagte Clara. „Warum auch nicht?“
Pete blickte in den Spiegel.
Die Gestalt war verschwunden.
Auch die eingeritzten Worte waren nicht mehr zu sehen. Nur Pete selbst blickte ihm entgegen. Unverletzt. Mit dem Hörer am Ohr.
„Bist du noch da?“, fragte Clara.
„Ja.“
„Ich finde keine Tankstelle.“
„Dann such gründlicher. Ich stehe mitten in einer.“
„Nein, Pete. Auf der aktuellen Karte ist dort nichts eingezeichnet.“
Pete ging näher an die Glasfront. Über dem Dach brannte das beleuchtete Schild. Die Zapfsäulen standen sauber aufgereiht. Neben der ersten lag der Schraubenschlüssel.
„Offenbar ist die Karte nicht aktuell.“
„Warte.“
Wieder hörte er ihre Finger über die Tastatur fliegen.
Draußen änderte sich das Motorgeräusch. Nur für einen Moment, als hätte jemand das Gaspedal angetippt.
Pete kniff die Augen zusammen.
„Ich habe etwas im Zeitungsarchiv gefunden“, sagte Clara.
Ihre Stimme klang plötzlich anders.
„Was?“
„Dort war einmal eine Tankstelle.“
„Das würde zumindest erklären, weshalb hier eine steht.“
Clara ging nicht auf seine Bemerkung ein.
„Sie wurde vor sechzehn Jahren geschlossen.“
Pete sah zu den gefüllten Regalen, zur laufenden Kaffeemaschine und zu den beiden Pappbechern. Aus dem halb vollen Becher stieg noch immer genauso viel Dampf auf wie bei seinem Eintreten.
Als wäre in diesem Raum seitdem keine einzige Sekunde vergangen.
„Sie sieht nicht geschlossen aus.“
„Pete, du solltest von dort verschwinden.“
Sein Blick fiel auf den Spiegel.
Die Gestalt war wieder da.
Blut lief über ihre Schläfe. In der Hand hielt sie den Schraubenschlüssel.
Auf der Spiegelfläche standen wieder die drei Worte:
*STEIG NICHT EIN.*
„Warum wurde die Tankstelle geschlossen?“, fragte Pete.
Am anderen Ende rauschte es.
„Clara?“
„Weil dort jemand ums Leben gekommen ist.“
Draußen öffnete sich die Fahrertür seines Wagens.
Langsam.
Zentimeter für Zentimeter.
Dann stand sie weit offen.
Niemand stieg aus.
Pete bewegte sich nicht.
Der Motor lief noch immer. Die Scheinwerfer brannten. Auf dem Fahrersitz war niemand zu sehen.
Er legte eine Hand auf die Hosentasche seiner Jeans.
Der Autoschlüssel steckte noch darin.
„Pete?“, fragte Clara. „Was ist da passiert?“
„Die Fahrertür hat sich geöffnet.“
„Von allein?“
„Falls dort draußen jemand steht, legt er großen Wert darauf, nicht gesehen zu werden.“
Pete betrachtete erst die Zapfsäulen, dann den dunklen Rand des Tankstellengeländes.
Nichts bewegte sich.
Im Spiegel hinter dem Tresen tauchte die Gestalt wieder auf.
Sein anderes Ich.
Über die linke Schläfe rann Blut. Den Schraubenschlüssel hielt die Gestalt fest umklammert. Dann deutete sie mit der freien Hand an Pete vorbei.
Nicht auf die geöffnete Fahrertür.
Tiefer.
Auf das linke Vorderrad.
Pete trat näher ans Schaufenster.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Rad nicht ganz gerade stand.
„Clara, was genau ist damals hier passiert?“
Am anderen Ende klapperten noch einmal die Tasten.
„Der Betreiber hieß Paul Neumann“, sagte sie. „Laut dem Artikel hat er an diesem Abend etwas an einer der Zapfsäulen repariert. Dabei bemerkte er, dass das linke Vorderrad eines wegfahrenden Autos wackelte.“
Pete blickte auf den Schraubenschlüssel im Spiegel.
„Er wollte den Fahrer warnen“, fuhr Clara fort. „Also lief er ihm hinterher. Den Schraubenschlüssel hatte er noch in der Hand.“
„Und dann?“
Clara schwieg einen Moment.
„Ein entgegenkommender Wagen hat ihn erfasst. Er starb noch an der Unfallstelle.“
Pete sah hinaus zu seinem Auto.
„Was wurde aus dem Fahrer?“
„Der hielt wegen des Unfalls an. Später stellte man fest, dass mehrere Radmuttern locker waren. Hätte er nicht angehalten, wäre er vermutlich wenige Kilometer weiter verunglückt.“
Im Spiegel hob sein verletztes Ich den Schraubenschlüssel.
Dann deutete es erneut auf das linke Vorderrad.
*STEIG NICHT EIN.*
Nun verstand Pete.
Die Warnung galt weder der geöffneten Tür noch etwas, das möglicherweise in seinem Auto auf ihn wartete.
Er sollte nicht losfahren.
„Pete?“, fragte Clara. „Bist du noch da?“
„Noch.“
„Was soll das heißen?“
„Dass ich mir mein Auto ansehen muss.“
„Dann nimm mich mit.“
Pete betrachtete die kurze Spiralschnur des Telefons.
„Das könnte schwierig werden.“
„Pete, geh nicht einfach nach draußen.“
„Ich gehe nicht einfach nach draußen. Ich gehe vorsichtig nach draußen.“
„Das beruhigt mich überhaupt nicht.“
„Mich auch nicht.“
Er legte den Hörer neben das Telefon auf den Tresen.
Claras Stimme drang leise aus der Hörmuschel.
„Pete? Hörst du mich?“
Er hörte sie.
Antwortete aber nicht mehr.
Pete ging zur Tür und drückte sie auf.
Das Glöckchen über dem Türrahmen klingelte leise – genau wie bei seinem Eintreten.
Draußen roch die Luft wieder nach Metall.
Der Schraubenschlüssel lag noch immer vor der Zapfsäule. Pete ging zunächst daran vorbei und näherte sich seinem Wagen von der Beifahrerseite.
Die Fahrertür stand offen.
Der Sitz war leer.
Auch auf der Rückbank war niemand.
Der Motor lief, obwohl der Schlüssel noch immer in Petes Hose steckte.
„Das ist inzwischen nicht einmal mehr das Seltsamste“, murmelte er.
Das grelle Licht über der Zapfsäule fiel schräg auf das linke Vorderrad.
Pete ging davor in die Hocke.
Auf den ersten Blick sah es normal aus. Erst als er genauer hinsah, entdeckte er einen schmalen Spalt zwischen Felge und Radnabe.
Eine Radmutter fehlte.
Etwas blitzte im Kies auf. Wenige Zentimeter neben dem Rad lag die fehlende Mutter.
Pete fasste eine der übrigen an. Sie ließ sich mit den Fingern bewegen.
Eine zweite ebenfalls.
Rund um die Kanten verliefen helle, frische Kratzer.
Hier hatte jemand ein Werkzeug angesetzt.
Pete sah zu dem Schraubenschlüssel vor der Zapfsäule.
Für einen Augenblick überlegte er, ob es klug war, ihn noch einmal anzufassen.
Dann blickte er durch die Fensterscheibe.
Im Spiegel stand sein verletztes Ich.
Es sah ihn an.
Wartete.
„Na schön“, sagte Pete. „Du hast gewonnen.“
Er hob den Schraubenschlüssel auf.
Das Metall war warm.
Genau wie beim ersten Mal.
Pete nahm die fehlende Radmutter aus dem Kies und drehte sie mit den Fingern zurück auf das Gewinde. Danach setzte er den Schraubenschlüssel an.
Er passte, als wäre er nur dafür gemacht worden.
Eine nach der anderen zog Pete die Radmuttern fest.
Als er die letzte anzog, erlosch das Licht über der Zapfsäule.
Dann das Licht im Shop.
Dann das Schild über dem Dach.
Der Motor seines Wagens verstummte.
Die Stille kam so plötzlich, dass Pete seinen eigenen Atem hörte.
In seiner Hand wurde der Schraubenschlüssel eiskalt.
Pete drehte ihn in der Hand. Glattes Metall, nichts Besonderes.
Pete richtete sich auf.
Die Tankstelle war noch da.
Und doch war sie nicht mehr dieselbe.
Langsam ging er auf den Shop zu. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er, was hinter den Scheiben lag.
Das Glas war blind vor Schmutz. Dahinter standen keine gefüllten Regale mehr. Keine Kaffeemaschine. Keine Pappbecher.
Nur verstaubte Metallgestelle, ein umgestürzter Stuhl und Spinnweben, die sich zwischen den Regalen spannten.
Das alte Telefon war verschwunden.
Ebenso der Spiegel hinter dem Tresen.
Pete trat noch näher an die Fensterscheibe.
Darin erkannte er nur noch sich selbst.
Unverletzt.
Allein.
Jetzt begriff er auch, wen er im Spiegel gesehen hatte.
Keinen Geist.
Kein älteres Ich.
Die Blutspur hatte zu dem Pete gehört, der er wenige Stunden später geworden wäre, wenn er in den Wagen gestiegen und weitergefahren wäre.
In seiner Jackentasche klingelte das Handy.
Pete zuckte zusammen und zog es hervor.
Clara.
Diesmal erschien ihr Name tatsächlich auf dem Display. Auch die Empfangsbalken waren wieder da.
Er nahm den Anruf an.
„Pete?“
„Ja.“
„Die Verbindung war plötzlich weg. Bist du noch da?“
Pete blickte in den dunklen, verlassenen Shop.
„Ja“, sagte er. „Ich glaube schon.“
„Was ist passiert?“
Pete betrachtete den eiskalten Schraubenschlüssel in seiner Hand.
„Mein linkes Vorderrad hätte sich vermutlich in den nächsten Kilometern verabschiedet.“
Am anderen Ende blieb es still.
„Du fährst keinen Meter mehr“, sagte Clara schließlich. „Ich rufe sofort den Abschleppdienst.“
„Ich fahre ganz sicher nicht mit meinem Wagen weiter. Ich warte hier draußen auf dem Kies.“
Eine knappe Stunde später wurde Petes Wagen auf die Ladefläche eines Abschleppwagens gezogen.
Clara hatte darauf bestanden, selbst zur Tankstelle zu kommen. Sie brachte Pete nach Hause und holte ihn am nächsten Morgen wieder ab.
Gemeinsam fuhren sie zur Werkstatt, in die der Abschleppdienst seinen Wagen gebracht hatte.
Der Mechaniker untersuchte das linke Vorderrad, schüttelte den Kopf und sah sich anschließend die Radmuttern genauer an.
„Sie sagen, eine davon lag bereits im Kies?“
„Ja. Die anderen waren so locker, dass ich sie mit den Fingern bewegen konnte.“
„Dann hatten Sie verdammt viel Glück. Nach ein paar Kilometern wäre Ihnen vermutlich das Rad weggeflogen.“
„Glück“, wiederholte Pete.
Der Mechaniker richtete sich auf. „Wann wurden die Räder zuletzt gewechselt?“
„Vor einem halben Jahr.“
„Dann sollten sich die Muttern nicht plötzlich alle lösen.“
„Können Sie feststellen, ob jemand nachgeholfen hat?“
Der Mann betrachtete die frischen Kratzer an den Kanten.
„Mit Sicherheit? Nein. Beim letzten Wechsel kann etwas schiefgegangen sein.“ Er zögerte. „Oder jemand hat einen Schraubenschlüssel angesetzt.“
Pete hielt den durchsichtigen Beweisbeutel hoch, in dem er den Schraubenschlüssel aufbewahrt hatte.
„So einen?“
Der Mechaniker nahm den Beutel entgegen und wendete ihn im Licht.
An der Unterseite des Schraubenschlüssels war etwas eingraviert.
Zwei Wörter.
*Paul Neumann.*
Pete nahm ihm den Beutel aus der Hand.
Am Abend zuvor hatte er den Schraubenschlüssel noch genau betrachtet. Das Metall war glatt gewesen.
Der Name hatte dort nicht gestanden.
Am späten Nachmittag legte Pete den verschlossenen Beweisbeutel mit dem Schraubenschlüssel auf seinen Schreibtisch.
Er nahm sich vor, Clara anzurufen. Danach wollte er herausfinden, wer sich an seinem Auto zu schaffen gemacht hatte und weshalb.
Zuerst brauchte er jedoch einen Kaffee.
Als Pete wenige Minuten später aus der Küche zurückkam, lag der Beweisbeutel noch immer auf dem Schreibtisch.
Er war leer.
Der Schraubenschlüssel war verschwunden.
Drei Wochen später fuhr eine junge Frau nachts über dieselbe Landstraße.
Ihr Tank war nicht leer.
Sie hatte keinen Grund anzuhalten.
Und doch nahm sie den Fuß vom Gas, als vor ihr ein beleuchtetes Schild in der Dunkelheit erschien.
Die Tankstelle war geöffnet.
