Die Tankstelle – Teil 1

Die Tankstelle war geöffnet.

 

Das war das Erste, was nicht stimmte.

Pete kannte diese Strecke. Nachts war hier nichts offen. Nie. Kein Licht, kein Personal, nicht einmal ein Automat. Und trotzdem brannte jetzt das Schild über dem Dach, als wäre es nie anders gewesen.

Er fuhr langsamer.

Der Tank war nicht leer. Er hatte keinen Grund anzuhalten.

Und doch tat er es.

Später würde er nicht mehr sagen können, warum.

Vielleicht war es das Licht. Vielleicht die Gewohnheit eines Detektivs, Hinweisen zu folgen, auch wenn sie noch keine waren. Oder vielleicht einfach dieses Gefühl, das sich leise hinter seinen Gedanken festsetzte:

 

Hier stimmt etwas nicht.

 

Der Kies knirschte unter den Reifen, als er auf den Platz rollte. Alles wirkte sauber. Zu sauber. Keine Zigarettenstummel, keine Ölflecken, kein Müll.

Wie eine Tankstelle, die nie benutzt worden war.

Pete stieg aus.

Die Luft roch nicht nach Benzin.

Sondern nach Metall.

Er ging ein paar Schritte auf den Shop zu, blieb dann stehen. Neben der Zapfsäule lag ein Schraubenschlüssel.

Er hätte ihn übersehen können. Ein normales Werkzeug, nichts Besonderes. Und doch lag er so … platziert.

Nicht fallen gelassen.

Nicht vergessen.

Hingelegt.

Pete sah sich um.

Niemand.

Er bückte sich und hob den Schraubenschlüssel auf.

Das Metall war warm.

Das war das Zweite, was nicht stimmte.

Er ließ ihn nicht los. Stattdessen ging er zur Tür des Shops und drückte sie auf.

Ein leises Klingeln.

Drinnen war niemand.

Die Regale waren gefüllt und ordentlich sortiert. Kaffee lief durch eine Maschine, als hätte gerade jemand auf den Knopf gedrückt. Zwei Pappbecher standen daneben.

Einer war halb voll.

Pete trat näher.

Der Kaffee dampfte.

Langsam, ganz langsam, drehte er den Kopf zur Glasfront.

Draußen, genau dort, wo sein Auto stehen sollte – stand kein Auto.

Pete blinzelte.

Der Platz war leer.

Kein Motorgeräusch. Keine offene Tür. Nichts.

Nur die Zapfsäulen im Licht.

Und auf dem Boden davor – lag ein Schraubenschlüssel.

Pete sah auf seine Hand.

Leer.

Er atmete aus. Kurz. Kontrolliert.

„Okay“, sagte er leise. „Das ist neu.“

Hinter ihm klickte etwas.

Er drehte sich um.

Die Kaffeemaschine war ausgegangen

Und im Spiegel hinter dem Tresen stand jemand.

Nicht im Raum.

Nur im Spiegel.

Reglos.

Direkt hinter ihm.

Pete bewegte sich nicht.

Sein Blick blieb an der Spiegelung hängen.

Langsam hob die Gestalt den Arm.

In der Hand – ein Schraubenschlüssel.

Pete bewegte sich nicht.

Sein Blick blieb an der Gestalt im Spiegel hängen.

Sie stand direkt hinter ihm. Den Schraubenschlüssel hielt sie locker in der rechten Hand, als wäre er nichts weiter als ein Werkzeug, das sie gleich wieder in eine Schublade legen würde.

Pete sah auf seine leere Hand.

Dann durch die Glasfront.

Draußen lag der Schraubenschlüssel noch immer vor der Zapfsäule.

Und gleichzeitig hielt die Gestalt im Spiegel einen in der Hand.

Vielleicht war es nicht derselbe. Vielleicht lagen an dieser Tankstelle zufällig mehrere identische Schraubenschlüssel herum.

Pete glaubte nicht, dass ihm innerhalb weniger Minuten zufällig drei identische Schraubenschlüssel begegneten.

„Wenn Sie mir etwas sagen wollen“, sagte er, „wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.“

Die Gestalt reagierte nicht.

Pete drehte sich um.

Hinter ihm war niemand.

Er sah hinter den Tresen und zwischen die Regale, obwohl das lächerlich war. Ein erwachsener Mensch mit einem Schraubenschlüssel verschwand nicht einfach zwischen Kaugummis und Motoröl.

Als Pete wieder in den Spiegel blickte, stand die Gestalt noch immer da.

Nur näher.

Viel näher.

Das Licht über dem Tresen flackerte. Für einen Moment fiel es auf das Gesicht.

Pete hörte auf zu atmen.

Er kannte dieses Gesicht.

Es war seins.

Nicht ganz so, wie er es jeden Morgen im Badezimmerspiegel sah. Die Haut wirkte fahl. Über der linken Schläfe verlief eine dunkle Blutspur. Das Hemd war an der Schulter zerrissen, und in den Augen lag etwas, das Pete an sich selbst nicht kannte.

Angst.

„Okay“, sagte er leise. „Das gefällt mir noch weniger.“

Die Spiegelung hob den Schraubenschlüssel.

Langsam setzte sie das Metall an die Spiegelfläche.

Ein schabendes Geräusch erfüllte den Shop. Pete verzog das Gesicht. Der Laut ging ihm durch die Zähne, obwohl auf seiner Seite nichts den Spiegel berührte.

Vor seinen Augen erschienen helle Kratzspuren. Sie formten Buchstaben. Einen nach dem anderen:

 

STEIG NICHT EIN.

 

Pete las den Satz zweimal.

Dann ein drittes Mal.

„Wo soll ich nicht einsteigen?“

Die Gestalt sah an ihm vorbei zur Glasfront.

Draußen flammten zwei Scheinwerfer auf.

Pete fuhr herum.

Sein Wagen stand wieder vor der Zapfsäule.

Genau dort, wo er ihn abgestellt hatte.

Die Fahrertür war geschlossen. Hinter der Windschutzscheibe war niemand zu erkennen.

Vor der Zapfsäule lag noch immer der Schraubenschlüssel.

Dann sprang der Motor an.

Pete trat näher an die Glasfront.

„Das ist mein Auto.“

Aus den Lautsprechern im Shop erklang ein leises Knacken. Musik setzte ein, verzerrt und viel zu langsam. Pete kannte das Lied, konnte aber nicht sagen, woher.

Im selben Moment klingelte ein Telefon.

Er drehte sich um.

Am Ende des Tresens stand ein beiges Telefon mit einer Wählscheibe.

Pete war sich sicher, dass es vorher nicht dort gestanden hatte.

Es klingelte erneut.

„Natürlich“, murmelte er. „Was auch sonst.“

Beim dritten Klingeln nahm er den Hörer ab.

„Ja?“

Zuerst hörte er nur ein Rauschen.

Dann eine Stimme.

„Pete?“

Er umfasste den Hörer fester.

„Clara?“

„Endlich. Warum gehst du nicht an dein Handy?“

Pete griff in seine Jackentasche und zog es hervor. Er drückte die Taste an der Seite. Das 

Display leuchtete auf.

Der Akku war fast voll.

Kein eingehender Anruf. Kein verpasster Anruf. Statt der Empfangsbalken erschien oben nur ein durchgestrichener Kreis.

„Weil du offenbar beschlossen hast, mich auf einem Telefon anzurufen, das wahrscheinlich älter ist als ich.“

„Ich habe deine Handynummer gewählt.“

Pete betrachtete die Wählscheibe.

„Dann solltest du vielleicht mit deinem Anbieter sprechen.“

„Wo bist du?“

Er sah wieder hinaus. Sein Wagen stand noch immer vor der Zapfsäule. Der Motor lief ruhig, die Scheinwerfer warfen zwei helle Kegel auf den Kies.

„An einer Tankstelle.“

„Um diese Zeit?“

„Das war auch mein erster Gedanke.“

„Welche Tankstelle?“

Pete nannte ihr den letzten Ort, durch den er gefahren war.

„Etwa fünf Kilometer hinter Hohenfeld, auf der Landstraße Richtung Waldkirchen. Kurz nach der alten Bahnbrücke.“

Am anderen Ende hörte er das Klackern einer Tastatur. Clara saß vermutlich vor ihrem Laptop und suchte die Strecke ab.

„Mein Auto war übrigens kurz verschwunden“, fügte Pete hinzu.

Das Klappern hörte auf.

„Dein Auto war was?“

„Weg.“

„Und jetzt?“

„Ist es wieder da.“

Eine kurze Pause.

„Natürlich“, sagte Clara. „Warum auch nicht?“

Pete blickte in den Spiegel.

Die Gestalt war verschwunden.

Auch die eingeritzten Worte waren nicht mehr zu sehen. Nur Pete selbst blickte ihm entgegen. Unverletzt. Mit dem Hörer am Ohr.

„Bist du noch da?“, fragte Clara.

„Ja.“

„Ich finde keine Tankstelle.“

„Dann such gründlicher. Ich stehe mitten in einer.“

„Nein, Pete. Auf der aktuellen Karte ist dort nichts eingezeichnet.“

Pete ging näher an die Glasfront. Über dem Dach brannte das beleuchtete Schild. Die Zapfsäulen standen sauber aufgereiht. Neben der ersten lag der Schraubenschlüssel.

„Offenbar ist die Karte nicht aktuell.“

„Warte.“

Wieder hörte er ihre Finger über die Tastatur fliegen.

Draußen änderte sich das Motorgeräusch. Nur für einen Moment, als hätte jemand das Gaspedal angetippt.

Pete kniff die Augen zusammen.

„Ich habe etwas im Zeitungsarchiv gefunden“, sagte Clara.

Ihre Stimme klang plötzlich anders.

„Was?“

„Dort war einmal eine Tankstelle.“

„Das würde zumindest erklären, weshalb hier eine steht.“

Clara ging nicht auf seine Bemerkung ein.

„Sie wurde vor sechzehn Jahren geschlossen.“

Pete sah zu den gefüllten Regalen, zur laufenden Kaffeemaschine und zu den beiden Pappbechern. Aus dem halb vollen Becher stieg noch immer genauso viel Dampf auf wie bei seinem Eintreten.

Als wäre in diesem Raum seitdem keine einzige Sekunde vergangen.

„Sie sieht nicht geschlossen aus.“

„Pete, du solltest von dort verschwinden.“

Sein Blick fiel auf den Spiegel.

Die Gestalt war wieder da.

Blut lief über ihre Schläfe. In der Hand hielt sie den Schraubenschlüssel.

Auf der Spiegelfläche standen wieder die drei Worte:

 

STEIG NICHT EIN.

 

„Warum wurde die Tankstelle geschlossen?“, fragte Pete.

Am anderen Ende rauschte es.

„Clara?“

„Weil dort jemand ums Leben gekommen ist.“

Draußen öffnete sich die Fahrertür seines Wagens.

Langsam.

Zentimeter für Zentimeter.

Dann stand sie weit offen.

Niemand stieg aus.

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