Morgen sagst du Ja

Teil 2 von 2

 

Für einen Moment geschah nichts.

Nur die Pumpe des Aquariums summte weiter. An der Scheibe zerplatzten kleine Luftblasen, eine nach der anderen.

Hendrik betrachtete Claras Lächeln.

Die Klinge in seiner Hand sank ein wenig.

„Du meinst es ernst.“

Clara zwang sich, nicht auf das Messer zu sehen.

„Ich möchte verstehen, was du für mich geschaffen hast.“

Das Du schmeckte bitter.

Hinter ihr zog Pete scharf die Luft ein. So leise, dass Hendrik es vermutlich für Eifersucht hielt.

Clara kannte ihn besser.

Er hatte verstanden.

„Endlich“, sagte Hendrik.

Seine Schultern entspannten sich. Nur die Finger um den Griff blieben fest geschlossen.

„Ich wusste, dass du anders bist als Maren.“

Claras Mund wurde trocken.

„Was war mit ihr?“

„Sie konnte nicht loslassen.“

„Wovon?“

„Von der Vorstellung, dass ihr Leben ihr gehört.“

Clara spürte ihren Herzschlag bis in die Fingerspitzen.

„Und meines gehört dir?“

„Noch nicht.“

Hendrik lächelte wieder.

„Aber du bist bereit.“

Er streckte ihr die freie Hand entgegen.

Clara sah an ihm vorbei.

Im Glas des Aquariums spiegelte sich Pete. Seine rechte Hand hatte aufgehört, sich zu öffnen und zu schließen.

Sie lag ruhig an seinem Oberschenkel.

Jetzt.

Clara machte einen Schritt auf Hendrik zu.

Seine Augen wanderten zu ihren Händen.

Genau dorthin, wo sie sie haben wollte.

„Zeig es mir“, sagte sie.

Pete bewegte sich.

Clara warf sich zur Seite und schlug mit beiden Händen gegen Hendriks Messerarm.

Die Klinge verfehlte ihre Schulter um wenige Zentimeter.

Pete prallte gegen den Nachbarn. Beide stürzten gegen den niedrigen Schrank unter dem Aquarium. Das Glas vibrierte, Wasser schwappte gegen die Scheiben und der Goldfisch verschwand mit einem empörten Flossenschlag hinter seiner Pflanze.

Hendrik riss den Arm hoch.

Die Klinge fuhr über Petes Unterarm.

Pete keuchte.

Ein dunkler Streifen erschien auf seinem Ärmel.

„Pete!“

Er antwortete nicht.

Seine linke Hand umklammerte Hendriks Handgelenk. Mit der anderen packte er ihn an der Schulter und stieß ihn erneut gegen den Schrank.

Das Teppichmesser fiel klappernd auf den Boden.

Clara trat danach.

Es schlitterte unter den Sessel.

Gismo schoss aus ihrem Versteck hinter der Gardine hervor. Mit gekrümmtem Rücken stellte sie sich vor den Spalt und fauchte.

„Wenigstens eine von uns bewacht das Messer“, brachte Clara hervor.

Ihre Stimme zitterte.

Pete verdrehte Hendriks Arm auf dessen Rücken und zwang ihn zu Boden.

Der Nachbar schlug mit der Wange auf den Teppich. Zum ersten Mal war seine sorgfältige Ruhe verschwunden.

„Du hast mich belogen!“, keuchte er.

Clara starrte auf ihn hinunter. Ihre Knie fühlten sich weich an, doch sie blieb stehen.

„Ich habe gesagt, Sie sollen es mir zeigen.“

Das Sie traf ihn härter als Petes Griff.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich mitkomme.“

„Du wolltest mich Hendrik nennen.“

„Damit Sie hören, was Sie hören wollten.“

Sein Gesicht verzerrte sich.

„Er versteht dich nicht.“

Pete kniete über ihm. Er drückte Hendriks Handgelenk fester gegen den Rücken und stemmte ein Knie zwischen seine Schulterblätter.

„Doch“, sagte Clara.

Sie sah Pete an.

Sein Gesicht war bleich. Blut tropfte von seinen Fingerspitzen auf den Teppich, aber seine Augen ruhten ruhig auf ihr.

„Gerade eben hat er mich sehr gut verstanden.“

Hendrik bäumte sich auf.

Pete verlagerte sein Gewicht und hielt ihn am Boden.

„Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für die Polizei.“

Clara griff nach ihrem Handy.

Beim zweiten Versuch bekam sie es aus der Hosentasche. Ihre Finger waren so steif, dass sie den Notruf beinahe wegdrückte.

„Mein Name ist Clara Hartmann“, sagte sie. „In der Wohnung meines Freundes befindet sich ein bewaffneter Mann. Wir haben ihn überwältigt.“

Sie nannte die Adresse.

„Ja, er ist verletzt. Nein, der Täter nicht.“

Unter Pete bewegte Hendrik den Kopf.

„Noch nicht“, murmelte Pete.

Clara schloss kurz die Augen.

„Pete.“

„War nur eine Feststellung.“

„Eine ausgesprochen unkluge.“

„Dann passt sie zum Abend.“

In der Ferne setzte ein Martinshorn ein.

Das Geräusch kam näher.

Hendrik hörte auf, sich zu wehren.

Seine Wange lag auf dem Teppich. Er sah Clara von unten an.

„Du wirst es bereuen.“

„Was?“

„Bei ihm zu bleiben.“

Clara ging in die Hocke. Ihr Körper bebte inzwischen so heftig, dass sie die Arme um sich schlingen musste.

„Sie haben uns beobachtet“, sagte sie. „Sie kennen meinen Tee, meine Gewohnheiten und jeden Streit, den wir hatten.“

Hendriks Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln.

„Mehr als genug.“

„Aber Sie wussten nicht, was Pete mit seiner Hand sagen wollte.“

Das Lächeln verschwand.

„Sie haben alles gesehen und trotzdem nichts verstanden.“

Im Treppenhaus polterten Schritte.

Fäuste hämmerten gegen die Wohnungstür.

„Polizei! Tür öffnen!“

Clara sprang auf. Ihre Knie gaben beinahe nach, als sie in den Flur lief. Beim ersten Versuch glitten ihre Finger vom Schlüssel ab. Dann drehte sie ihn herum und riss die Tür auf.

Mehrere Polizisten drängten an ihr vorbei.

„Hände sichtbar!“

Pete hob seine freie Hand, ohne Hendrik loszulassen.

„Der Mann am Boden ist der Täter“, rief Clara. „Das Messer liegt unter dem Sessel.“

Zwei Beamte übernahmen Hendrik. Einer zog das Teppichmesser unter dem Sessel hervor, während ein anderer Pete auf die Beine half.

Als er endlich stand, schwankte er.

Clara war sofort bei ihm.

„Zeig her.“

„Ist nur ein Kratzer.“

Sie zog seinen Ärmel vorsichtig nach oben. Der Stoff klebte an der Haut. Die Wunde darunter war schmal, aber tiefer, als Pete zugeben wollte.

Claras Magen zog sich zusammen.

„Das ist kein Kratzer.“

„Ein sehr entschlossener Kratzer.“

„Du blutest auf Gismos Teppich.“

Pete sah zu der Katze.

Gismo saß neben dem Sessel und putzte sich eine Pfote, als ginge sie das alles nichts mehr an.

„Dann wird sie mir das nie verzeihen.“

Eine Polizistin riss ein Verbandpäckchen auf und reichte Clara eine sterile Kompresse.

Clara presste sie auf die Wunde. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre eigenen Hände voller Blut waren.

Petes Blut.

Ihr Atem geriet aus dem Takt.

Pete legte seine unverletzte Hand über ihre.

„Hey.“

Sie brachte kein Wort heraus.

„Clara, sieh mich an.“

Sie hob den Kopf.

„Mir geht es gut.“

„Du hast überhaupt keine Ahnung, wie überzeugend du mit blutendem Arm bist.“

„Ich arbeite daran.“

Sein Daumen strich einmal über ihre Finger.

Mehr konnte er vor all den Menschen nicht tun.

Mehr brauchte sie nicht.

Zwei Beamte führten Hendrik aus dem Wohnzimmer.

An Clara vorbei blieb er stehen.

„Die Hand“, sagte er.

Niemand antwortete.

Seine Augen wanderten zum Bücherregal.

Nur für einen Augenblick.

Dann schob ihn ein Polizist weiter.

Clara sah ihm nach.

Die Hand.

Nicht alles von ihr.

Sie drehte sich zum Regal.

Ganz oben stand die dunkle Skulptur, die Hendrik Pete zum Einzug geschenkt hatte. Seit Monaten stützte sie die schweren Bildbände, die immer zur Seite kippten.

Eine Hand aus schwarzem Steinguss.

Die Handfläche nach oben gerichtet.

Clara trat näher.

Ihr Herz begann erneut schneller zu schlagen.

„Pete.“

Er folgte ihrem Blick.

„Was ist?“

„Wie viele Finger hatte die Skulptur, als er sie dir geschenkt hat?“

Pete runzelte die Stirn.

Dann wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

„Fünf.“

Clara schob den äußersten Bildband ein Stück zur Seite.

Die Skulptur hatte nur vier.

Die Bruchstelle des kleinen Fingers war hinter dem Buch verborgen gewesen. Sorgfältig nachgedunkelt, damit sie im Schatten nicht auffiel.

Clara wich zurück.

Eine Polizistin zog Handschuhe an und nahm die Skulptur vorsichtig aus dem Regal.

Sie war schwerer, als ihre Größe vermuten ließ.

An der Bruchkante war die dunkle Masse abgeplatzt. Darunter verlief etwas, das nicht wie Stein aussah.

Etwas Helles.

Gebogenes.

Die Polizistin hielt inne.

„Wir brauchen dafür die Spurensicherung.“

Aus dem Flur erklang Hendriks Stimme.

„Vorsichtig.“

Alle drehten sich um.

Sein Haar hing ihm in die Stirn. Auf seiner Wange zeichnete sich der Abdruck des Teppichs ab. Zwei Polizisten hatten ihn fest im Griff. Trotzdem lächelte er.

„Maren war immer sehr empfindlich.“

Claras Finger schlossen sich um Petes unverletzten Arm.

Später würde eine Röntgenaufnahme zeigen, was sich unter dem schwarzen Steinguss befand.

Die Hand einer Frau.

Vollständig bis auf den kleinen Finger.

Als Clara und Pete das Haus verließen, wurde der Himmel über den Dächern bereits hell.

Die Befragungen hatten Stunden gedauert. Im Dachboden hatte die Polizei weitere Kameras, Lautsprecher und einen schmalen Verschlag gefunden. Darin standen ein Feldbett, mehrere Bildschirme und eine Werkbank.

Auf der Werkbank lag eine Hand aus feuchtem Ton.

An ihrem linken Handgelenk war eine kleine Vertiefung eingearbeitet.

Genau dort, wo Clara beim Nachdenken mit dem Daumen über ihre Haut rieb.

Sie hatte das Foto nur einmal angesehen.

Das hatte gereicht.

Vor dem Haus blieb Pete stehen. Sein Unterarm war verbunden, seine Jacke hing über seiner Schulter.

Gismo saß in Claras Armen und drückte die Nase gegen ihr Kinn.

„Und der Goldfisch?“, fragte Clara.

„Wird vorübergehend evakuiert.“

„Zu wem?“

„Zu meiner Mutter.“

„Weiß sie schon von ihrem Glück?“

„Nein.“

„Der Fisch oder deine Mutter?“

„Beide.“

Clara lachte.

Es kam unerwartet und klang zunächst fremd. Dann musste auch Pete lachen, bis er das Gesicht verzog und seinen verletzten Arm an den Körper zog.

„Nicht lustig“, sagte er.

„Überhaupt nicht.“

Sie standen schweigend nebeneinander.

Hinter ihnen blitzte blaues Licht über die Hausfassade. Ein Beamter trug die versiegelte Skulptur zu einem Wagen.

Pete sah ihr nach.

„Der Ring bleibt vermutlich eine Weile bei der Spurensicherung.“

„Vermutlich.“

„So hatte ich mir das nicht vorgestellt.“

„Welchen Teil? Den Antrag oder den mörderischen Bildhauer von nebenan?“

„Vor allem den Bildhauer.“

Clara strich Gismo über den Rücken.

Pete verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

Plötzlich wirkte er nervöser als mit Hendriks Messer vor der Brust.

„Ich hatte einen Plan“, sagte er.

„Das überrascht mich.“

„Restaurant. Kerzen. Der Ring an einem Ort, an dem kein Körperteil beteiligt ist.“

„Sehr romantisch.“

„In meiner Vorstellung war es das.“

Clara sah zum heller werdenden Himmel.

„Morgen ist übrigens vorbei.“

Pete schwieg.

„Es ist schon heute“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Dann frag mich.“

Seine Kehle zog sich zusammen, als er einmal trocken schluckte.

„Ohne Ring?“

„Pete.“

„Gut.“

Er nahm ihre freie Hand. Seine Finger waren kalt.

„Clara, willst du—“

„Ja.“

Pete blinzelte.

„Du hast mich nicht ausreden lassen.“

„Du redest manchmal zu viel.“

„Hendrik war anderer Meinung.“

Clara trat näher und legte ihre Stirn an seine.

„Hendrik hat vieles gehört“, sagte sie leise. „Aber er hat nie zugehört.“

Pete drückte ihre Hand.

„Also noch einmal. Willst du mich heiraten?“

Clara ließ ihn diesmal bis zum Ende sprechen.

„Ja.“

In ihren Armen begann Gismo zu schnurren.

Diesmal war das Geräusch echt.

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe, Du hattest beim Lesen genauso viel Freude wie ich beim Schreiben hatte.

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

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