War doch nur Spaß

Eine Geschichte mit Florian aus „Wenn Brüder gehen“

 

„Du bist so ein Lügner.“

Ich drehe mich um.

Ben steht hinter mir, die Hände in den Hosentaschen, und grinst, als hätte er gerade einen besonders guten Witz erzählt.

„Guten Morgen auch“, sage ich.

„Stimmt doch. Du kannst angeblich keinen Sport machen, aber gestern bist du mit Timo Fahrrad gefahren.“

„Und?“

„Wie, und?“

„Soll ich dir erklären, wie ein Fahrrad funktioniert?“

Neben Ben fängt Paul an zu lachen. Ben findet es weniger lustig.

„Du weißt genau, was ich meine. Wenn wir Sport haben, sitzt du auf der Bank. Aber nachmittags kannst du plötzlich Fahrrad fahren.“

Ich schaue an ihm vorbei zu den Fahrradständern.

Mein Rad steht neben Timos. Es ist blau und hat eine orange Klingel mit einem grinsenden Gesicht. Timos Klingel ist blau. Meine ist viel cooler. Weniger cool ist mein Hinterreifen. Der verliert seit heute Morgen Luft. Auf dem Schulweg bin ich über einen spitzen Stein gefahren. Natürlich mit dem Hinterrad. Den Schlauch kriege ich allein bestimmt nicht raus.

„Gemütlich Fahrrad fahren ist was anderes als mehrere Runden um den Sportplatz rennen.“

„Jaja. Deine Operation und so.“

Er tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die Brust.

Ich hasse das.

Dieses und so.

Als wäre ich zum Spaß im Krankenhaus gewesen. Weil mir zu Hause langweilig war.

„Du bist doch längst wieder gesund“, sagt Ben. „Meine Mutter meint auch, irgendwann muss mal gut sein mit der Schonerei.“

Bens Mutter entscheidet das jetzt also.

Interessant.

„Dann richte deiner Mutter schöne Grüße aus.“

„Wieso?“

„Vielleicht kann sie meinen Ärzten in Leipzig erklären, dass ich beim nächsten Mal nicht mehr kommen muss.“

Ich schiebe mich an ihm vorbei.

Und dann sehe ich Timo.

Er steht direkt neben der Eingangstür. Den Rucksack über einer Schulter, die Haare wie immer in alle Richtungen. Bestimmt hat er wieder verschlafen.

Er hat alles gehört.

Das weiß ich genau, weil er mich ansieht und dann ziemlich schnell auf seine Schuhe guckt.

Nicht ein Wort.

Nicht mal ein blöder Spruch.

Gar nichts.

 

Bis zur großen Pause wissen es offenbar alle.

Zumindest kommt es mir so vor.

Zwei Mädchen tuscheln vor dem Klassenraum. Als ich vorbeigehe, verstummen sie.

Im Deutschunterricht fragt mich Paul, wie lange ich eigentlich noch vom Sport befreit bin.

„Willst du eine Kopie von meinem Attest?“

„War doch nur eine Frage.“

Ich schiebe mein Heft ein Stück von ihm weg.

Am schlimmsten ist Sport in der fünften Stunde.

Herr Lange erklärt, dass wir heute Ausdauer trainieren. Die anderen sollen mehrere Runden laufen. Ich darf ein paar leichte Übungen machen und anschließend beim Messen der Zeiten helfen.

Wie in den letzten Wochen.

Nur dass Ben heute besonders laut fragt: „Darf Florian wieder chillen?“

Herr Lange sieht ihn an.

„Florian hält sich an die Vorgaben seiner Ärzte. Und du stellst dich jetzt zu den anderen.“

Ben zieht die Augenbrauen hoch, geht aber los.

Ich sehe zu Timo.

Er dreht den Ball in seinen Händen, den er sich vor der Stunde aus dem Geräteraum geholt hat.

Sag was, denke ich.

Irgendwas.

Timo schaut kurz zu Ben. Dann legt er den Ball auf den Boden und bindet seinen Schuh neu.

Ernsthaft?

Sein Schnürsenkel ist gerade wichtiger?

Ich greife nach meinem Turnbeutel. Darin liegen meine Sportschuhe, ein Handtuch und die Trinkflasche, die Mum mir heute Morgen noch hinterhergetragen hat.

„Nicht vergessen, Flo!“, hatte sie gerufen, als wäre ich fünf.

Jetzt würde ich am liebsten die Flasche gegen die Wand werfen.

Stattdessen ziehe ich meine Schuhe an.

Später sitze ich auf der Bank und stoppe Zeiten.

Ich bin übrigens ziemlich gut darin, anderen beim Laufen zuzusehen.

Viel lieber würde ich mitlaufen.

Aber das fragt mich ja keiner.

 

Nach der Schule wartet Timo am Fahrradständer.

„Kommst du noch mit?“

Ich schließe mein Rad auf.

„Wohin?“

„Zu euch. Ins Baumhaus.“

„Keine Lust.“

„Seit wann hast du keine Lust aufs Baumhaus?“

„Seit heute.“

Timo runzelt die Stirn.

„Was ist denn mit dir los?“

Ich starre ihn an.

Das ist jetzt nicht sein Ernst.

„Nichts.“

„Flo.“

Ich ziehe mein Fahrrad rückwärts aus dem Ständer.

„Frag doch Ben. Der weiß anscheinend alles über mich.“

Timo verzieht das Gesicht.

„Ach, deswegen.“

Ach, deswegen.

Am liebsten würde ich ihm eine reinhauen.

Mach ich natürlich nicht. Timo ist mein bester Freund.

Jedenfalls war er das heute Morgen noch.

„Du hast danebengestanden“, sage ich.

„Ja, und?“

„Und nichts gesagt.“

„Was hätte ich denn sagen sollen?“

Ich lasse mein Fahrrad los. Es kippt gegen den Ständer.

„Vielleicht, dass es nicht stimmt?“

„Das wissen doch alle.“

„Anscheinend nicht.“

Timo fährt sich durch die Haare.

„Ben ist ein Idiot. Das weißt du doch.“

„Dann hättest du es ihm sagen können.“

„Meine Güte, Flo. Ich muss dich doch nicht ständig verteidigen.“

Hinter mir fällt irgendwo ein Fahrrad um.

Keiner von uns dreht sich um.

Ich packe meinen Lenker wieder. An einer Stelle ist der Gummi eingerissen. Ich drücke den Daumen hinein.

„Musst du nicht“, sage ich.

Meine Stimme klingt komisch.

Viel zu ruhig.

„Hat auch keiner verlangt.“

Ich steige auf mein Rad.

„Flo, jetzt warte doch.“

Aber ich fahre los.

Langsam, weil mein Hinterreifen inzwischen fast platt ist. Schon hinter dem Schultor muss ich absteigen und schieben.

Ziemlich peinlicher Abgang, ehrlich gesagt.

Ich drehe mich trotzdem nicht um.

 

Am Nachmittag sitze ich im Baumhaus.

Allein.

Unten im Garten mäht Paps den Rasen. Durch das offene Fenster riecht es nach frisch geschnittenem Gras.

Auf dem Boden liegen ein paar Pokémon-Karten und eine leere Chipstüte. Timos Chipstüte. Natürlich.

Ich überlege, sie aus dem Fenster zu werfen.

Dann müsste ich sie aber später wieder aufsammeln.

Also lasse ich es.

Mum hat vorhin gefragt, was in der Schule los war.

„Nichts.“

„Du bist so still.“

„Soll ich singen?“

Sie hat mich eine Weile angesehen. Ich habe gewartet, dass sie weiterfragt, aber dann hat sie nur gesagt, dass mein Essen in der Küche steht.

Das mag ich an Mum. Manchmal lässt sie mich einfach.

Manchmal.

Mein Handy vibriert.

Timo: Bist du oben?

Ich antworte nicht.

Timo: Sehe dein Fahrrad.

Toller Detektiv.

Das steht schließlich direkt vor der Eiche.

Timo: Ich komm hoch.

Ich schaue zur Luke.

Dann höre ich schon die Leiter knarren.

„Ich hab nicht gesagt, dass du hochkommen sollst“, sage ich, als sein Kopf auftaucht.

Timo bleibt auf der Leiter stehen.

„Soll ich wieder gehen?“

Ich ziehe eine Pokémon-Karte aus dem Stapel und lege sie zurück.

„Jetzt bist du ja schon da.“

Er krabbelt herein und setzt sich mir gegenüber.

Eine Weile sagt keiner etwas.

Timo zupft an einem losen Faden seiner Jeans.

„Mein Vater hat gestern gefragt, ob wir am Wochenende angeln wollen.“

Ich starre ihn an.

„Ernsthaft? Du kommst hier hoch, um mit mir übers Angeln zu reden?“

„War nur eine Frage.“

„Dann frag.“

„Willst du?“

„Nein.“

Timo nickt. Er wickelt sich den Faden um den Finger, bis die Spitze rot wird. Dann lässt er ihn los.

„Ich hab Mist gebaut“, sagt er schließlich.

Ich ziehe die Knie an.

„Ach.“

„Ja, Mann.“

Er schaut hinaus in den Garten.

„Seit du aus dem Krankenhaus zurück bist, sagen alle ständig, ich soll auf dich aufpassen. Meine Mutter. Deine Mutter. Mein Vater. Sogar meine Oma.“

Ich sage nichts.

„Beim Fahrradfahren soll ich gucken, dass wir nicht zu schnell fahren. Beim Fußball soll ich dich bremsen. Und wenn irgendwas ist, soll ich sofort einen Erwachsenen holen.“

Er reibt mit dem Daumen über seinen Finger.

„Ich will doch einfach nur mit dir spielen.“

Ich drücke meine Knie fester an mich.

Als würde ich ihm das verbieten.

„Glaubst du, ich finde das toll?“, frage ich.

„Hab ich nicht gesagt.“

„Ich will selber nicht, dass alle ständig auf mich aufpassen.“

„Weiß ich.“

„Offenbar nicht.“

Timo zieht ein Bein an und stellt den Fuß auf den Boden.

„Als Ben angefangen hat, hab ich gedacht: Jetzt muss ich wieder alles erklären. Was du darfst und was nicht.“

Ich schaue auf die Pokémon-Karten zwischen uns.

Irgendwie macht mich das noch wütender.

„Du hättest gar nichts erklären müssen.“

„Was denn sonst?“

„Einfach sagen, dass er Scheiße erzählt.“

Timo schweigt.

Dann nickt er.

„Ja.“

Ich schlucke. Auf einmal drückt es in meinem Hals.

„Ben ist mir egal“, sage ich.

Das stimmt nicht ganz. Aber ich will jetzt nicht über Ben reden.

„Bei dir dachte ich halt …“

Ich zupfe am Hosenbein.

Timo wartet.

„Du weißt doch, dass ich viel lieber mitmachen würde.“

„Weiß ich.“

„Warum hast du dann auf deine blöden Schuhe geguckt?“

Timo schaut mich an.

Diesmal sieht er nicht weg.

„Tut mir leid.“

Ich ziehe eine Pokémon-Karte unter meinem Bein hervor.

Glurak.

Ausgerechnet Glurak.

Die Karte, die Timo seit Monaten von mir haben will.

Ich schiebe sie wieder unter den Stapel.

„Sollte es auch.“

Er nickt noch einmal.

Unten stellt Paps den Rasenmäher ab. Auf einmal höre ich die Blätter draußen rascheln.

Timo deutet auf den Kartenstapel.

„Spielen wir?“

Ich schiebe ihm ein paar Karten hin.

Glurak behalte ich.

 

Am nächsten Morgen steht Ben vor unserem Klassenraum.

Er erzählt Paul gerade irgendwas über das Fußballspiel vom Wochenende, als Timo neben ihm stehen bleibt.

„Übrigens“, sagt Timo, „wegen Flo.“

Mir wird heiß.

Oh nein.

Bitte nicht.

Nicht hier.

Ben grinst.

„Was ist mit ihm?“

„Du hast doch gestern so getan, als würde er sich bloß vorm Sport drücken.“

„Na und?“

Timo zuckt mit den Schultern.

„Ich dachte nur, du willst vielleicht mit ihm tauschen.“

Ben runzelt die Stirn.

„Hä?“

„Du kriegst die Operation und den ganzen Krankenhausmist. Dafür darfst du hinterher beim Sport auf der Bank sitzen. Ist doch ein super Geschäft.“

Paul hört auf zu grinsen.

Ben starrt Timo an.

„War doch nur Spaß.“

„Dann musst du wohl noch üben“, sagt Timo. „War nämlich nicht lustig.“

Er dreht sich um und kommt zu mir.

„Morgen.“

Ich versuche, ernst zu bleiben.

Wirklich.

Aber es klappt nicht ganz.

„Morgen.“

Wir gehen zusammen in den Klassenraum.

Erst an der Tür bleibt Timo stehen.

„Sind wir wieder gut?“

Ich überlege.

Ben steht noch immer draußen. Er redet inzwischen wieder mit Paul. Vermutlich über Fußball. Oder über irgendeinen anderen Mist.

Vielleicht hält er jetzt endlich die Klappe.

Vielleicht auch nicht.

„Kommt drauf an“, sage ich.

„Worauf?“

„Ob du nachher meinen Fahrradreifen flickst.“

Timo verdreht die Augen.

„Dein Ernst?“

„Ich helfe auch.“

„Wow. Bei deinem eigenen Fahrrad?“

Er rempelt mich mit der Schulter an.

Ich remple zurück.

Dann stellen wir unsere Rucksäcke an die Plätze. Als ich nach meinem Mäppchen greifen will, fällt mir ein, dass mein Deutschheft noch in meinem Fach liegt.

„Bin gleich wieder da.“

Timo nickt und geht zu seinem Tisch am Fenster.

Als ich zurückkomme und den Rucksack öffne, steckt etwas zwischen meinen Heften.

Eine kleine Chipstüte.

Paprika.

Meine Lieblingssorte.

Auf der Rückseite steht mit schwarzem Filzstift:

Für den schlechtesten Simulanten der Welt.

Ich muss lachen.

Timo grinst von seinem Platz am Fenster.

Ich schiebe die Chipstüte in meinen Rucksack.

Wenigstens kennt der Idiot meinen Geschmack.

„Du flickst trotzdem meinen Reifen!“, rufe ich.

Timo hebt nur den Daumen.

Na gut.

Vielleicht darf er doch mein bester Freund bleiben.

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe, Du hattest beim Lesen genauso viel Freude wie ich beim Schreiben hatte.

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

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