Morgen sagst du Ja
Teil 1 von 2
Der Goldfisch sah Pete an, als wäre das alles schon wieder seine Schuld.
Von irgendwoher kam ein Kratzen.
Hinter der Wand vielleicht. Oder unter dem Boden. So genau ließ sich das nicht sagen.
Gismo kauerte vor der Fußleiste. Ihre Ohren zuckten bei jedem Geräusch.
Es klang wie ein hastiges Scharren, als würde etwas versuchen, sich durch das Holz zu fressen.
Kratz. Kratz. Kratz.
„Eine Maus“, sagte Clara.
„Wir wohnen im zweiten Stock.“
„Mäuse können Treppen steigen.“
„Vielleicht sollte ich ein Schild aufstellen.“
Clara sah ihn an. „Mäuse müssen draußen bleiben?“
„Benutzung des Treppenhauses nur für Hausbewohner.“
Das Kratzen verstummte.
Gismo blieb sitzen.
Im Aquarium stieg eine einzelne Luftblase nach oben. Der Goldfisch öffnete das Maul und schloss es wieder. Empört, wie Clara fand. Aber seit der Sache mit seinem umgekippten Glas und der qualmenden Sofaecke nahm er grundsätzlich alles persönlich.
„Wenn gleich wieder eine fremde Katze unter meinem Bett hervorkommt, geht ihr beide nach Hause“, sagte Pete.
Clara verschränkte die Arme. „Ich schwöre, das war ich nicht.“
Gismo drehte den Kopf zu ihr.
„Diesmal wirklich nicht.“
Das Kratzen begann erneut.
Die Katze sprang auf und fuhr mit der Pfote über eine Diele nahe der Wand. Ihre Krallen blieben in einem schmalen Spalt hängen.
Pete kniete sich neben sie.
„Lass das.“
Gismo ließ es nicht.
„Sie hat ihren eigenen Kopf“, sagte Clara.
„Woher kenne ich das nur?“
„Keine Ahnung.“
Pete holte einen Schraubenzieher. Die Diele saß lockerer, als sie sollte. Nach kurzem Hebeln gab sie mit einem trockenen Knacken nach.
Darunter kam ein flacher Zwischenraum zum Vorschein. Ein Holzbalken verlief quer durch grauen Staub und alte Dämmwolle. Direkt dahinter lag ein Stück verblichener Stoff.
„Das gefällt mir nicht“, sagte Clara.
„Mir auch nicht.“
„Warum hast du die Diele dann geöffnet?“
Pete betrachtete das Stück Stoff.
„Weil es mir noch weniger gefällt, nicht zu wissen, was darunterliegt.“
„Das klingt verdächtig nach einem Satz, den wir gleich bereuen werden.“
Pete schob die Spitze des Schraubenziehers unter den verblichenen Stoff und zog das Bündel vorsichtig aus dem Hohlraum.
Etwas Kleines fiel heraus.
Metall klirrte auf dem Boden.
Clara wich zurück.
„Bitte sag, dass das kein Finger ist.“
Pete ging in die Hocke.
Die Haut war dunkel und trocken, beinahe wie Pergament. An der Form ließ sich trotzdem erkennen, was dort vor ihnen lag.
Ein kleiner Finger.
Daneben lag ein schmaler silberner Ring. Offenbar war er beim Herausziehen vom vertrockneten Finger geglitten.
„Vielleicht ist er nicht echt“, sagte Clara.
„Der Finger oder der Ring?“
„Such dir etwas aus.“
Pete beugte sich über den Ring.
Auf der Innenseite standen zwei Namen.
Clara & Pete
Darunter war ein Datum eingraviert.
Das Datum des nächsten Tages.
Clara las es zweimal. Ihre Hände wurden kalt.
„Pete?“
Er antwortete nicht.
„Warum stehen unsere Namen auf diesem Ring?“
Pete richtete sich langsam auf. Sein Blick wanderte vom Finger zur Küche.
„Warte hier.“
„Ganz bestimmt nicht.“
Sie folgte ihm.
Pete nahm die Kaffeedose aus dem Schrank. Er öffnete sie, schob die Bohnen zur Seite und holte ein kleines schwarzes Kästchen hervor.
Clara spürte, wie ihr Herz einen Schlag ausließ.
Pete klappte es auf.
Das Kästchen war leer.
Eine Weile sagte keiner etwas.
„Du wolltest mir einen Antrag machen“, sagte Clara schließlich.
Pete fuhr sich über den Nacken. „Morgen.“
„Mit einem Ring aus einer Kaffeedose?“
„Da schaust du nie hinein.“
„Ich trinke Tee.“
„Eben.“
Clara sah auf das leere Kästchen. Alles in ihr wollte fragen, was Pete geglaubt hatte, was sie antworten würde. Doch der kleine Finger lag noch immer im Wohnzimmer.
„Jemand hat den Ring genommen“, sagte sie.
Pete nickte.
„Jemand war in meiner Wohnung.“ Seine Stimme klang ruhig. Zu ruhig.
Aus dem Flur kam ein leises Knacken.
Clara drehte sich zur offenen Küchentür.
Dann rauschte es.
Nicht aus Richtung der geöffneten Diele.
Direkt aus der Wand.
Durch die Tür sah Clara Gismo mitten im Flur stehen. Der Rücken der Katze war gekrümmt, ihr Schwanz aufgeplustert. Sie blickte nicht mehr zur aufgehebelten Diele, sondern starrte auf eine kleine Lüftungsöffnung knapp über der Fußleiste.
Das Rauschen brach ab.
Eine Männerstimme flüsterte:
„Leg den Ring zurück.“
Pete trat an Clara vorbei in den Flur und stellte sich vor sie.
„Wer ist da?“
Keine Antwort.
Gismo fuhr herum und lief den Flur hinunter. Vor dem Hauswirtschaftsraum blieb sie stehen.
Clara und Pete folgten ihr.
Gismo setzte vorsichtig eine Pfote über die Schwelle. Dann hob sie den Kopf und starrte zur Decke.
Etwas Weißes fiel herab.
Eine kleine Flocke landete direkt vor ihr auf dem Boden.
Dann noch eine.
Gismo fauchte.
Eine der Deckenplatten bewegte sich.
Pete zog Clara einen Schritt zurück.
Jetzt standen sie unmittelbar darunter.
Und direkt über ihnen sagte jemand ganz leise:
„Clara.“
Claras Name hing noch in der Luft.
Pete zog sie einen Schritt zurück und sah zur Decke.
Die Platte über der Waschmaschine bewegte sich nicht mehr. Nur ein feiner weißer Staub rieselte auf den Boden.
„Sag bitte nicht, dass du da hochwillst“, flüsterte Clara.
Pete nahm ihr das Handy aus der Hand und schaltete die Taschenlampe ein.
„Gut.“
„Gut?“
„Dann sage ich es nicht.“
Gismo wich rückwärts aus dem kleinen Raum. Ihr Blick blieb noch einen Moment nach oben gerichtet. Dann drehte sie sich um und schlich zur Lüftungsöffnung im Flur.
Sie schnupperte am Gitter.
Etwas blitzte zwischen den Lamellen auf.
Pete kniete sich neben sie und leuchtete hinein.
Eine winzige schwarze Linse blickte zurück.
Claras Nacken begann zu kribbeln.
Jemand hatte sie beobachtet.
Beim Teetrinken. Beim Streiten. Beim Küssen.
Vielleicht sogar in den Momenten, in denen sie sich unbeobachtet gefühlt hatte, obwohl Pete im selben Raum gewesen war.
„Eine Kamera“, sagte sie.
Pete beugte sich näher heran.
„Mit Bewegungsmelder.“
„Woher weißt du das?“
„Sie hat uns angesehen.“
„Sehr beruhigend.“
Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und hielt es vor das Gitter.
Ein hastiges Schaben fuhr durch das Metall.
Gismo sprang zurück. Ihr Rücken krümmte sich zu einem Bogen, das Fell stand ihr vom Nacken bis zur Schwanzspitze ab.
Pete drückte das Tuch fest gegen die Öffnung.
Das Geräusch brach mitten im Kratzen ab.
Nicht so, als hätte ein Tier aufgehört.
Es war einfach weg.
Clara starrte auf das Gitter.
„Ein Lautsprecher.“
Pete nickte.
„Das Kratzen sollte uns vertreiben.“
„Hat hervorragend funktioniert.“
„Wir sind noch hier.“
„Eben.“
Aus der Kammer erklang erneut die Männerstimme.
„Er hört dir nie richtig zu.“
Claras Magen zog sich zusammen.
„Ich schon.“
Pete richtete sich langsam auf. Sein Gesicht hatte sich verändert. Das kleine spöttische Lächeln war verschwunden. Seine Augenbraue fing an zu zucken.
„Bleib hinter mir.“
„Das sagst du immer, wenn ich es ganz bestimmt nicht tun werde.“
„Ich weiß.“
Er ging zurück zur Waschmaschine und schob die verrutschte Deckenplatte zur Seite. Staub legte sich auf seine Schultern. Zwischen der Verkleidung und der Decke quoll gelbe Dämmwolle hervor.
Dahinter hing eine kurze Schlaufe.
Pete griff danach.
Clara legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Vielleicht sollten wir jetzt doch die Polizei rufen.“
„Gleich.“
„Was heißt bei dir gleich?“
„Sobald ich weiß, was ich ihnen erzählen soll.“
Er zog.
Mit einem dumpfen Schlag öffnete sich die Luke. Trockene, abgestandene Luft strich Clara über das Gesicht. Sie roch nach Staub, altem Holz und etwas Süßlichem, das sie nicht einordnen konnte.
Pete zog die Leiter herunter.
„Du gehst da wirklich hoch.“
„Nur ein Stück.“
„Natürlich.“
„Wenn ich schreie, läufst du.“
„Wenn du schreist, komme ich hinterher.“
Pete sah sie an.
„Das befürchte ich.“
Die erste Stufe knarrte unter seinem Gewicht. Dann die zweite.
Clara nahm ihr Handy zurück und hielt es nach oben. Der Lichtkegel glitt über Balken und Dämmwolle. An einigen Stellen lag sie dick und unberührt. Direkt vor Pete war sie jedoch flach getreten.
Wie ein schmaler Weg durch den Staub.
„Hier bewegt sich jemand“, sagte er.
Clara blickte in die Dunkelheit über ihm.
„Das hatten wir bereits vermutet.“
„Jetzt wissen wir es.“
Pete stieg eine weitere Stufe hinauf. Mit zwei Fingern hob er ein dünnes schwarzes Kabel an, das an einem Balken befestigt war.
Es verschwand unter der Dämmwolle.
„Die Kamera?“, fragte Clara.
„Vermutlich nicht die einzige.“
Irgendwo im Dachboden knackte Holz.
Pete erstarrte.
Clara hielt den Atem an.
Nichts.
Nur Gismos tiefes Knurren hinter ihr.
Dann kam ein leises Klicken aus der Wohnung.
So leise, dass Clara es beinahe für ein weiteres Knacken im Gebälk gehalten hätte.
Die Katze drehte den Kopf.
Ihre Ohren zeigten zum anderen Ende des Flurs.
Aus dem Wohnzimmer rauschte es.
Die Männerstimme flüsterte:
„Clara.“
Gismo schoss los.
„Gismo! NEEIIINNN!“
Clara rannte ihr hinterher.
Pete kam so schnell von der Leiter herunter, dass er auf den letzten Sprossen abrutschte. Sein Fuß krachte auf die Fliesen und die Leiter schlug scheppernd gegen den Rahmen.
Die Katze war bereits im Wohnzimmer verschwunden.
„Bleib hier“, rief Pete.
Clara hörte nicht auf ihn.
„Du lernst es auch nicht mehr.“
Im Wohnzimmer war es still.
Zu still.
Im Aquarium stieg eine Reihe kleiner Luftblasen auf. Der Goldfisch schwamm dicht an der Scheibe. Er sah Pete an, öffnete einmal empört das Maul und bewegte sich ein Stück zur Seite.
Pete blieb stehen.
Im Glas spiegelte sich ein Mann.
Er stand direkt hinter Clara.
Pete packte ihren Arm und zog sie zu sich.
Clara stolperte gegen seine Brust. Als sie sich umdrehte, brauchte sie einen Moment, um zu begreifen, wen sie vor sich sah.
Es war kein Fremder.
Es war Hendrik Voss aus der Wohnung nebenan. Der Bildhauer, der Pete zum Einzug eine seiner Skulpturen geschenkt hatte. Der Mann, der Pete im Treppenhaus freundlich grüßte. Der Pakete für ihn annahm und Gismo jedes Mal über den Kopf strich, wenn sie ihm begegnete.
Heute trug er eine dunkle Hose und einen grauen Pullover. Gepflegte Haare. Saubere Schuhe.
In seiner Hand lag ein Schlüssel.
Pete schob Clara hinter sich.
„Wie sind Sie hier reingekommen?“
Der Nachbar hob den Schlüssel ein wenig an.
„Maren hat ihn mir gegeben.“
„Wer ist Maren?“
Sein Blick glitt zur aufgehebelten Diele.
„Die Frau, die vor Ihnen hier gewohnt hat.“
Clara spürte, wie Pete neben ihr den Atem anhielt.
„Sie hat Ihnen ihren Wohnungsschlüssel gegeben?“, fragte er.
„Nur geliehen.“
„Und Sie haben ihn nachmachen lassen.“
Das Lächeln des Nachbarn wurde schmaler.
„Maren hat mir vertraut.“
Claras Hände wurden kalt.
„Der Finger“, sagte sie. „Er gehörte Maren.“
„Nur der kleine.“
Clara verschränkte die Arme eng vor der Brust.
„Was ist mit dem Rest passiert?“
Hendrik sah zur Seite, als läge die Antwort irgendwo im Raum.
„Der Rest musste fort.“
Er sagte es beiläufig. Als spräche er von einer alten Matratze.
Dann hob er den Blick wieder.
„Nicht alles von ihr.“
Pete bewegte sich nicht. Nur seine rechte Hand öffnete und schloss sich langsam. Dabei spannte sich sein Kiefer an.
Er wartete.
Clara kannte diesen Blick.
Sie musste ihm Zeit verschaffen.
„Warum lag Marens Finger unter der Diele?“
„Der Ring passte nur ihm.“
Clara brauchte einen Moment.
„Sie haben meinen Ring an ihrem Finger ausprobiert?“
„Ich wollte sehen, wie er aussieht.“
„Und dabei ist er abgebrochen?“
Hendrik zuckte leicht mit den Schultern.
„Beim Aufprall.“
Pete machte einen halben Schritt vor.
„Woher wussten Sie von dem Ring?“
Der Nachbar sah ihn an, als hätte er eine ausgesprochen dumme Frage gestellt.
„Ich höre zu.“
Dann ruhte sein Blick wieder auf Clara.
„Morgens trinkst du deinen Tee am Fenster. Wenn du nachdenkst, reibst du mit dem Daumen über dein linkes Handgelenk. Und wenn er dich wieder einmal nicht versteht, fängst du an, wortlos die Küche aufzuräumen – und zwar viel lauter, als es nötig wäre.“
Claras Kehle wurde eng. Trotzdem zwang sie sich, seinen Blick zu erwidern.
„Das ist kein Kennen“, sagte sie. „Das ist Beobachten.“
Sein Lächeln verschwand.
„Er ist nicht der Richtige für dich.“
„Und wer ist der Richtige? Sie?“
„Hendrik.“
„Was?“
„Du sollst mich Hendrik nennen.“
„Für mich bleiben Sie Herr Voss.“
Für einen Moment zuckte etwas in seinem Gesicht.
Dann glitt seine Hand unter den Pullover.
Pete stellte sich breiter vor Clara.
Der Nachbar zog ein Teppichmesser hervor.
Die Klinge sprang mit einem leisen Klicken aus dem Griff.
„Ich habe auch für dich etwas geschaffen“, sagte er.
Clara wich zurück, bis sie neben Pete stand.
„Was?“
„Eine Hand. Noch ist sie aus Ton.“
Sein Blick glitt erneut zu ihren Händen.
„Aber das lässt sich ändern.“
Pete hob beschwichtigend beide Hände. Seine Augen blieben auf dem Messer.
„Legen Sie es weg.“
Der Nachbar beachtete ihn nicht.
„Du hast gestern gesagt, dass du nicht weißt, ob du für immer mit ihm leben kannst.“
Clara erinnerte sich.
Sie hatte es im Streit gesagt. Erschöpft und wütend. Ein Satz, der etwas anderes bedeutet hatte, als dieser Mann darin hören wollte.
„Du hast nicht verstanden, worüber wir gesprochen haben.“
„Doch.“
Er machte einen Schritt auf sie zu.
„Morgen sagst du Ja.“
Seine Finger schlossen sich fester um das Messer.
„Aber nicht zu ihm.“
Neben Clara öffnete Pete erneut die rechte Hand.
Warte.
Clara zwang sich, ruhig zu atmen.
Dann sah sie den Nachbarn an und lächelte.
„Also gut.“
Pete wurde vollkommen still.
„Dann zeigen Sie mir, was Sie für mich geschaffen haben.“
🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe, Du hattest beim Lesen genauso viel Freude wie ich beim Schreiben hatte.
Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen
