Die Tankstelle - Teil 2
Pete bewegte sich nicht.
Der Motor lief noch immer. Die Scheinwerfer brannten. Auf dem Fahrersitz war niemand zu sehen.
Er legte eine Hand auf die Hosentasche seiner Jeans.
Der Autoschlüssel steckte noch darin.
„Pete?“, fragte Clara. „Was ist da passiert?“
„Die Fahrertür hat sich geöffnet.“
„Von allein?“
„Falls dort draußen jemand steht, legt er großen Wert darauf, nicht gesehen zu werden.“
Pete betrachtete erst die Zapfsäulen, dann den dunklen Rand des Tankstellengeländes.
Nichts bewegte sich.
Im Spiegel hinter dem Tresen tauchte die Gestalt wieder auf.
Sein anderes Ich.
Über die linke Schläfe rann Blut. Den Schraubenschlüssel hielt die Gestalt fest umklammert. Dann deutete sie mit der freien Hand an Pete vorbei.
Nicht auf die geöffnete Fahrertür.
Tiefer.
Auf das linke Vorderrad.
Pete trat näher ans Schaufenster.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Rad nicht ganz gerade stand.
„Clara, was genau ist damals hier passiert?“
Am anderen Ende klapperten noch einmal die Tasten.
„Der Betreiber hieß Paul Neumann“, sagte sie. „Laut dem Artikel hat er an diesem Abend etwas an einer der Zapfsäulen repariert. Dabei bemerkte er, dass das linke Vorderrad eines wegfahrenden Autos wackelte.“
Pete blickte auf den Schraubenschlüssel im Spiegel.
„Er wollte den Fahrer warnen“, fuhr Clara fort. „Also lief er ihm hinterher. Den Schraubenschlüssel hatte er noch in der Hand.“
„Und dann?“
Clara schwieg einen Moment.
„Ein entgegenkommender Wagen hat ihn erfasst. Er starb noch an der Unfallstelle.“
Pete sah hinaus zu seinem Auto.
„Was wurde aus dem Fahrer?“
„Der hielt wegen des Unfalls an. Später stellte man fest, dass mehrere Radmuttern locker waren. Hätte er nicht angehalten, wäre er vermutlich wenige Kilometer weiter verunglückt.“
Im Spiegel hob sein verletztes Ich den Schraubenschlüssel.
Dann deutete es erneut auf das linke Vorderrad.
*STEIG NICHT EIN.*
Nun verstand Pete.
Die Warnung galt weder der geöffneten Tür noch etwas, das möglicherweise in seinem Auto auf ihn wartete.
Er sollte nicht losfahren.
„Pete?“, fragte Clara. „Bist du noch da?“
„Noch.“
„Was soll das heißen?“
„Dass ich mir mein Auto ansehen muss.“
„Dann nimm mich mit.“
Pete betrachtete die kurze Spiralschnur des Telefons.
„Das könnte schwierig werden.“
„Pete, geh nicht einfach nach draußen.“
„Ich gehe nicht einfach nach draußen. Ich gehe vorsichtig nach draußen.“
„Das beruhigt mich überhaupt nicht.“
„Mich auch nicht.“
Er legte den Hörer neben das Telefon auf den Tresen.
Claras Stimme drang leise aus der Hörmuschel.
„Pete? Hörst du mich?“
Er hörte sie.
Antwortete aber nicht mehr.
Pete ging zur Tür und drückte sie auf.
Das Glöckchen über dem Türrahmen klingelte leise – genau wie bei seinem Eintreten.
Draußen roch die Luft wieder nach Metall.
Der Schraubenschlüssel lag noch immer vor der Zapfsäule. Pete ging zunächst daran vorbei und näherte sich seinem Wagen von der Beifahrerseite.
Die Fahrertür stand offen.
Der Sitz war leer.
Auch auf der Rückbank war niemand.
Der Motor lief, obwohl der Schlüssel noch immer in Petes Hose steckte.
„Das ist inzwischen nicht einmal mehr das Seltsamste“, murmelte er.
Das grelle Licht über der Zapfsäule fiel schräg auf das linke Vorderrad.
Pete ging davor in die Hocke.
Auf den ersten Blick sah es normal aus. Erst als er genauer hinsah, entdeckte er einen schmalen Spalt zwischen Felge und Radnabe.
Eine Radmutter fehlte.
Etwas blitzte im Kies auf. Wenige Zentimeter neben dem Rad lag die fehlende Mutter.
Pete fasste eine der übrigen an. Sie ließ sich mit den Fingern bewegen.
Eine zweite ebenfalls.
Rund um die Kanten verliefen helle, frische Kratzer.
Hier hatte jemand ein Werkzeug angesetzt.
Pete sah zu dem Schraubenschlüssel vor der Zapfsäule.
Für einen Augenblick überlegte er, ob es klug war, ihn noch einmal anzufassen.
Dann blickte er durch die Fensterscheibe.
Im Spiegel stand sein verletztes Ich.
Es sah ihn an.
Wartete.
„Na schön“, sagte Pete. „Du hast gewonnen.“
Er hob den Schraubenschlüssel auf.
Das Metall war warm.
Genau wie beim ersten Mal.
Pete nahm die fehlende Radmutter aus dem Kies und drehte sie mit den Fingern zurück auf das Gewinde. Danach setzte er den Schraubenschlüssel an.
Er passte, als wäre er nur dafür gemacht worden.
Eine nach der anderen zog Pete die Radmuttern fest.
Als er die letzte anzog, erlosch das Licht über der Zapfsäule.
Dann das Licht im Shop.
Dann das Schild über dem Dach.
Der Motor seines Wagens verstummte.
Die Stille kam so plötzlich, dass Pete seinen eigenen Atem hörte.
In seiner Hand wurde der Schraubenschlüssel eiskalt.
Pete drehte ihn in der Hand. Glattes Metall, nichts Besonderes.
Pete richtete sich auf.
Die Tankstelle war noch da.
Und doch war sie nicht mehr dieselbe.
Langsam ging er auf den Shop zu. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er, was hinter den Scheiben lag.
Das Glas war blind vor Schmutz. Dahinter standen keine gefüllten Regale mehr. Keine Kaffeemaschine. Keine Pappbecher.
Nur verstaubte Metallgestelle, ein umgestürzter Stuhl und Spinnweben, die sich zwischen den Regalen spannten.
Das alte Telefon war verschwunden.
Ebenso der Spiegel hinter dem Tresen.
Pete trat noch näher an die Fensterscheibe.
Darin erkannte er nur noch sich selbst.
Unverletzt.
Allein.
Jetzt begriff er auch, wen er im Spiegel gesehen hatte.
Keinen Geist.
Kein älteres Ich.
Die Blutspur hatte zu dem Pete gehört, der er wenige Stunden später geworden wäre, wenn er in den Wagen gestiegen und weitergefahren wäre.
In seiner Jackentasche klingelte das Handy.
Pete zuckte zusammen und zog es hervor.
Clara.
Diesmal erschien ihr Name tatsächlich auf dem Display. Auch die Empfangsbalken waren wieder da.
Er nahm den Anruf an.
„Pete?“
„Ja.“
„Die Verbindung war plötzlich weg. Bist du noch da?“
Pete blickte in den dunklen, verlassenen Shop.
„Ja“, sagte er. „Ich glaube schon.“
„Was ist passiert?“
Pete betrachtete den eiskalten Schraubenschlüssel in seiner Hand.
„Mein linkes Vorderrad hätte sich vermutlich in den nächsten Kilometern verabschiedet.“
Am anderen Ende blieb es still.
„Du fährst keinen Meter mehr“, sagte Clara schließlich. „Ich rufe sofort den Abschleppdienst.“
„Ich fahre ganz sicher nicht mit meinem Wagen weiter. Ich warte hier draußen auf dem Kies.“
Eine knappe Stunde später wurde Petes Wagen auf die Ladefläche eines Abschleppwagens gezogen.
Clara hatte darauf bestanden, selbst zur Tankstelle zu kommen. Sie brachte Pete nach Hause und holte ihn am nächsten Morgen wieder ab.
Gemeinsam fuhren sie zur Werkstatt, in die der Abschleppdienst seinen Wagen gebracht hatte.
Der Mechaniker untersuchte das linke Vorderrad, schüttelte den Kopf und sah sich anschließend die Radmuttern genauer an.
„Sie sagen, eine davon lag bereits im Kies?“
„Ja. Die anderen waren so locker, dass ich sie mit den Fingern bewegen konnte.“
„Dann hatten Sie verdammt viel Glück. Nach ein paar Kilometern wäre Ihnen vermutlich das Rad weggeflogen.“
„Glück“, wiederholte Pete.
Der Mechaniker richtete sich auf. „Wann wurden die Räder zuletzt gewechselt?“
„Vor einem halben Jahr.“
„Dann sollten sich die Muttern nicht plötzlich alle lösen.“
„Können Sie feststellen, ob jemand nachgeholfen hat?“
Der Mann betrachtete die frischen Kratzer an den Kanten.
„Mit Sicherheit? Nein. Beim letzten Wechsel kann etwas schiefgegangen sein.“ Er zögerte. „Oder jemand hat einen Schraubenschlüssel angesetzt.“
Pete hielt den durchsichtigen Beweisbeutel hoch, in dem er den Schraubenschlüssel aufbewahrt hatte.
„So einen?“
Der Mechaniker nahm den Beutel entgegen und wendete ihn im Licht.
An der Unterseite des Schraubenschlüssels war etwas eingraviert.
Zwei Wörter.
*Paul Neumann.*
Pete nahm ihm den Beutel aus der Hand.
Am Abend zuvor hatte er den Schraubenschlüssel noch genau betrachtet. Das Metall war glatt gewesen.
Der Name hatte dort nicht gestanden.
Am späten Nachmittag legte Pete den verschlossenen Beweisbeutel mit dem Schraubenschlüssel auf seinen Schreibtisch.
Er nahm sich vor, Clara anzurufen. Danach wollte er herausfinden, wer sich an seinem Auto zu schaffen gemacht hatte und weshalb.
Zuerst brauchte er jedoch einen Kaffee.
Als Pete wenige Minuten später aus der Küche zurückkam, lag der Beweisbeutel noch immer auf dem Schreibtisch.
Er war leer.
Der Schraubenschlüssel war verschwunden.
Drei Wochen später fuhr eine junge Frau nachts über dieselbe Landstraße.
Ihr Tank war nicht leer.
Sie hatte keinen Grund anzuhalten.
Und doch nahm sie den Fuß vom Gas, als vor ihr ein beleuchtetes Schild in der Dunkelheit erschien.
Die Tankstelle war geöffnet.
🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe, Du hattest beim Lesen genauso viel Freude wie ich beim Schreiben hatte.
Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen
