Die Witwe

Der Mann, der seine Frau loswerden wollte, brachte mir Pralinen mit.

Ich ließ ihn im Flur stehen.

„Ist das Ihr Ernst?“

Er betrachtete die Schachtel, als hätte sie sich ohne sein Wissen in seine Hand geschlichen.

„Meine Sekretärin meinte, man bringt einer Dame etwas mit.“

„Weiß Ihre Sekretärin, warum Sie hier sind?“

Er wurde blass.

Ich nahm ihm die Pralinen ab. Nougat. Immerhin war der Mann nicht vollständig unbrauchbar.

„Kommen Sie rein.“

Er setzte sich auf die vordere Kante meines Sessels. Die Hände legte er auf die Knie. Menschen sitzen erstaunlich ordentlich, wenn sie Angst haben.

„Also“, sagte er.

Ich wartete.

Hinter mir tickte die Küchenuhr. An der Wand hing das Foto meines verstorbenen Mannes. Ein freundlicher Mensch mit abstehenden Ohren. Seit seinem Tod behauptete die halbe Stadt, ich hätte nachgeholfen.

Es war sein Herz gewesen.

Ich hatte nie Wert darauf gelegt, das richtigzustellen.

„Man hat Sie mir empfohlen“, sagte mein Besucher.

„Das dachte ich mir. Wegen der Pralinen kommen die wenigsten.“

Er versuchte zu lächeln.

„Sie sollen sehr diskret sein.“

„Wer hat mich empfohlen?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

Ich schob ihm die Schachtel wieder hin.

Er starrte darauf.

„Herr Berger“, sagte er hastig. „Vom Autohaus.“

Ich zog sie zurück.

„Und was genau hat Herr Berger Ihnen erzählt?“

„Dass Sie sein Problem gelöst haben.“

„Welches?“

Er schluckte.

„Seine Frau.“

Ich erinnerte mich an Frau Berger. Sie hatte beim ersten Gespräch einen Mantel getragen, obwohl es dreißig Grad gewesen waren.

„Ah“, sagte ich.

Mein Besucher zog ein Foto aus der Innentasche.

Eine Frau in einem blauen Kleid. Sie stand neben ihm auf einer Terrasse. Seine Hand lag auf ihrem Nacken.

Ich drehte das Foto um.

„Name?“

„Eva Winter.“

„Alter?“

„Neunundvierzig.“

„Und warum?“

Sein Blick wanderte zu meinem Ehering.

„Es ist kompliziert.“

„Kompliziert kostet mehr.“

„Sie will mich verlassen.“

„Dann erledigt sich Ihr Problem doch von selbst.“

Er beugte sich vor.

„Sie will Dinge mitnehmen, die ihr nicht gehören.“

„Möbel?“

„Unterlagen.“

Zum ersten Mal sah er mich direkt an.

„Ich habe mir etwas aufgebaut. Ich lasse mir das nicht kaputtmachen.“

Auf seinem Knie zuckte ein Finger.

Ich kannte diesen Finger. Nicht seinen persönlich. Aber die Sorte.

„Wann soll es geschehen?“, fragte ich.

Er atmete aus.

„Morgen. Ich habe ihr gesagt, dass sie zu Ihnen kommen soll. Wegen meiner Mutter. Wir brauchen jemanden, der ihre Wohnung auflöst.“

Ich sah ihn an.

„Sie schicken Ihre Frau zu mir?“

„Herr Berger sagte, Sie hätten früher Entrümpelungen gemacht.“

„Habe ich.“

Er nickte. Offenbar passte jetzt alles zusammen.

„Keine Polizei“, sagte er.

Ich schwieg.

„Und keine …“ Er sah zur Küche.

„Leiche?“

Er schloss kurz die Augen.

Ich schob ihm einen Zettel hin. Er las die Zahl und zog sofort sein Portemonnaie.

Das störte mich mehr als die Pralinen.

 

Eva Winter kam am nächsten Morgen um zehn.

Ihr Mann blieb im Wagen sitzen.

Ich konnte ihn durch die Gardine sehen. Dunkler Mercedes, laufender Motor. Ein Mann, der die Umwelt schonte, gehörte offenbar nicht zu seinen vielen Qualitäten.

„Wegen der Wohnung“, sagte sie.

Sie hielt ihre Handtasche mit beiden Händen fest.

„Kommen Sie.“

Im Wohnzimmer blieb ihr Blick an den beiden Tassen hängen.

„Ihr Mann war gestern hier“, sagte ich.

Sie setzte sich nicht.

„Was hat er erzählt?“

„Dass Sie ihn verlassen wollen.“

Ihr Mund öffnete sich. Dann sah sie zum Fenster.

Draußen senkte ihr Mann die Sonnenblende.

„Ich wollte ihm nichts wegnehmen“, sagte sie.

„Was steht in den Unterlagen?“

Sie sah wieder zu mir.

„Genug.“

Ich nahm mein Telefon vom Tisch und legte es in eine Schublade.

„Hat er Ihnen gesagt, wer ich bin?“

Sie nickte.

„Die Witwe.“

So nannten sie mich seit sieben Jahren. Es klang erheblich eindrucksvoller als Renate.

„Und trotzdem sind Sie gekommen?“

Sie zog den Ärmel ihrer Strickjacke über das Handgelenk.

„Er hat gewartet, bis ich eingestiegen bin.“

Ich stand auf.

Sie wich einen Schritt zurück.

„Entschuldigung“, sagte sie sofort.

Ich ging in die Küche und holte eine Schere.

Als ich zurückkam, war ihr Gesicht grau.

Ich schnitt das Preisschild von einer dunkelgrünen Jacke, die über der Stuhllehne hing.

„Welche Größe tragen Sie?“

Sie antwortete nicht.

„Die müsste passen. Schuhe stehen hinter Ihnen. Achtunddreißig?“

Ihr Blick ging von der Schere zur Jacke.

„Was machen Sie?“

Ich legte die Schere weg.

„Ihr Mann hat mich dafür bezahlt, dass Sie verschwinden.“

Sie griff nach der Stuhllehne.

Ich ließ ihr einen Moment.

Dann öffnete ich die Tür zum kleinen Arbeitszimmer.

Auf dem Schreibtisch lagen ein Busticket, ein Umschlag und das Foto einer Frau mit kurzen grauen Haaren.

Eva Winter starrte auf das Bild.

„Das ist …“

„Frau Berger. Sie holt Sie am Bahnhof ab.“

„Aber die ist doch …“

„Ihr Mann erzählt, sie sei mit einem anderen durchgebrannt. Seinen Freunden erzählt er etwas anderes. Das fällt ihm leichter.“

Eva setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch.

Ich schob ihr den Umschlag hin.

„Das gehört Ihnen. Abzüglich Ticket, Kleidung und meiner Kosten.“

Sie öffnete ihn. Sah hinein. Legte ihn wieder hin.

„Von ihm?“

„Er war großzügig.“

Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht. Es war noch kein Lächeln.

„Und draußen?“

„Der wartet auf eine Nachricht. Die bekommt er später.“

„Was für eine Nachricht?“

„Dass Sie nicht wiederkommen.“

Sie sah mich lange an.

„Haben Sie das schon öfter gemacht?“

„Die Jacken hängen nicht zufällig in verschiedenen Größen im Schrank.“

 

Wir gingen durch den Hinterausgang.

Eva trug die grüne Jacke und meine alte Einkaufstasche. Ihre Handtasche blieb bei mir. Den Ehering legte sie daneben, behutsam, damit er kein Geräusch machte.

Am Gartentor blieb sie stehen.

„Was passiert, wenn er mich findet?“

„Frau Berger kennt eine Anwältin. Die wartet schon auf Ihre Unterlagen.“

Eva nickte. Trotzdem hielt sie das Tor noch fest.

„Sie sind gar nicht …“

Sie brachte es nicht zu Ende.

Vorn am Haus hupte ihr Mann.

Eva zuckte zusammen.

Ich nahm meine Gartenschere von der Fensterbank.

„Gehen Sie. Ich kümmere mich um Ihren Mann.“

Sie ließ das Tor los.

Als ich um die Hausecke kam, stieg er gerade aus.

Sein Blick fiel auf die Schere.

Er blieb an der Wagentür stehen.

„Dauert es noch lange?“

Ich sah auf seine Hand. Der Finger zuckte wieder.

„Fahren Sie nach Hause, Herr Winter.“

„Aber ich würde gern—“

Ich hob die Schere ein wenig.

Er stieg ein.

Ich hatte die halbe Nacht nachgedacht, wie ich ihn vom Haus wegbekommen sollte.

Am Ende reichte eine Gartenschere.

Die Hecke konnte warten.

🐾 Danke, dass Du mich begleitet hast. Ich hoffe, Du hattest beim Lesen genauso viel Freude wie ich beim Schreiben hatte.

 

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
deine Schreibfeder aus Thüringen

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