
Am Morgen – eine Geschichte nach euren Vorgaben
Am 29. Mai 2026 durften die Mitglieder meines Schreibfeder-Kanals mitentscheiden, was in meiner nächsten Geschichte geschehen sollte.
Dafür wurde dreimal gewürfelt:
Wer betritt den Raum?
Ein Tier, eine fremde Frau oder niemand?
Was bringt die Figur mit?
Ein Ultimatum oder Tränen?
Und was passiert als Erstes?
Eine Umarmung.
Da mehrere Antworten gleich häufig vorkamen und nur die letzte Frage ein eindeutiges Ergebnis hatte, wurde es für mich besonders spannend. Also nahm ich alle Vorgaben und schrieb daraus – vollkommen aus dem Bauch heraus – eure Geschichte.
Viel Freude beim Lesen.
Die fertige Geschichte – veröffentlicht am 2. Juni 2026
Am Morgen
Der Himmel spannte sich über die Landschaft wie eine ungeduldige Frage, auf die niemand eine Antwort geben wollte.
Grau-weißer Dunst lag über dem verblassenden Blau, und die Wolken wirkten wie Gedankenfetzen – ungeordnet, unfertig, voller Bedeutung.
Am Rand meines Blickfeldes schnitten sich die dunklen Silhouetten der Bäume in den Himmel. Die alte Eiche stand reglos da, als hätte sie längst verstanden, dass dieser Tag seine Geheimnisse noch nicht preisgeben würde.
Ich hatte geweint.
Nicht schön. Nicht würdevoll. Sondern so, dass man danach Taschentücher unter Sofakissen findet und sich fragt, wie viel Wasser ein Mensch eigentlich verlieren kann, ohne auszutrocknen.
Und dieser Himmel war keiner, der Trost versprach. Eher einer, der mich forderte. Gedanken, die ich vielleicht zu lange beiseitegeschoben hatte.
Ich stand am Fenster und hatte mir selbst ein Ultimatum gestellt: Wenn ich diese Woche überstand, ohne wieder in alte Muster zu fallen, durfte hier Niemand einziehen. Wenn nicht, würde ich es lassen. Dann wäre dieses Zimmer eben nur ein weiteres Zimmer geblieben.
Ich hatte den Raum lange und sorgfältig vorbereitet. Eine Decke. Ein Kissen, das viel zu weich war für jemanden, der mich noch gar nicht kannte.
Niemand sollte sich hier wohlfühlen.
Es war albern, so viel Aufwand zu treiben. Das hätte meine Schwester jedenfalls gesagt. Vielleicht hatte sie recht.
Aber ich musste etwas ändern.
Dann ging endlich die Tür auf und eine fremde Frau trat vorsichtig herein – an ihrer Seite Niemand.
Er war kleiner, als ich gedacht hatte. Braunes Fell, zu große Pfoten, Augen, die schon zu viel verstanden.
Ich ging in die Knie.
Niemand blieb einen Moment stehen. Dann kam er auf mich zu, langsam, als müsste er erst prüfen, ob man diesem Raum trauen konnte.
Und dann legte er den Kopf an meine Brust.
Ich umarmte Niemand.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich das Wort nicht mehr leer an.
