
Bin ich gut genug? Wenn das eigene Manuskript zum Lektorat geht
Erstmals im WhatsApp-Kanal veröffentlicht am 26. Mai 2026
Könnt ihr euch noch an eure Schulzeit erinnern? An diese Tage vor einer Prüfung, an denen man sich immer wieder fragte: Habe ich genug gelernt? Reicht das? Kriege ich das hin?
So ähnlich ging es mir, als ich mein Manuskript, das Exposé und das erste Kapitel meines Romans an ein professionelles Lektorat zur Beurteilung schickte.
Ich war stolz. Schließlich hatte ich lange an der Geschichte gearbeitet, an ihren Figuren gefeilt und sehr viel Herz in dieses Projekt gesteckt. Aber neben dem Stolz saß noch jemand an meinem Schreibtisch: die Angst. Und die war mindestens doppelt so groß.
Trägt die Geschichte?
Funktionieren die Figuren?
Ist der Anfang spannend genug?
Hat das Ganze überhaupt eine Chance?
Und irgendwo dazwischen meldete sich natürlich auch diese leise, gemeine Frage:
Bin ich gut genug?
Wenn plötzlich jemand Fremdes mitliest
Schreiben ist für mich noch immer etwas sehr Intimes. Ich sitze in meinem kleinen Kämmerlein, spreche mit meinen Figuren, diskutiere mit ihnen – und manchmal höre ich ihnen einfach nur zu, wenn sie mir etwas erzählen wollen.
In dieser kleinen Welt kenne ich mich aus. Dort gehören die Figuren mir und ich ihnen. Ich weiß, warum sie schweigen, weshalb sie streiten und was sie fühlen, selbst wenn sie es noch nicht aussprechen können.
Doch in dem Moment, in dem man einen Text verschickt, gibt man diese geschützte Welt aus der Hand. Plötzlich schaut jemand Fremdes hinein. Jemand, der die Geschichte nicht mit dem Herzen der Autorin liest, sondern mit einem professionellen Blick.
Dann heißt es warten.
Und vielleicht ist genau das manchmal der mutigste Teil am Schreiben: etwas loszulassen, das einem sehr nah ist.
Die Antwort vom Lektorat
Als die Beurteilung schließlich kam, saß ich tatsächlich mit zitternden Händen vor dem Bildschirm.
Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl: Man steckt so viel Herz in etwas hinein, dass man plötzlich Angst bekommt, jemand könnte genau das mit wenigen Sätzen zerstören.
Ich öffnete die Rückmeldung – und las:
„Er liest sich flüssig. Atmosphärisch. Nicht überladen. Nah an den Figuren. Vor allem: Sie können Bilder setzen, ohne künstlich poetisch zu werden. Das ist wirklich stark.“
Ich glaube, ich habe zunächst einfach nur auf den Bildschirm gestarrt.
Natürlich bestand die Rückmeldung nicht ausschließlich aus Lob. Es gab auch Anmerkungen, Fragen und Änderungsvorschläge. Doch dieser eine Absatz bedeutete mir unglaublich viel. Besonders die Worte „nah an den Figuren“.
Fast ein Jahr hatte ich in die Ausarbeitung meiner Figuren investiert. Ich hatte Lebensläufe geschrieben, Charakterzüge festgelegt, nach ihren Ängsten, Wünschen und Widersprüchen gesucht. Ich wollte sie nicht nur kennen. Ich wollte verstehen, warum sie so handeln, wie sie handeln.
Offenbar war diese Zeit nicht umsonst gewesen.
Und irgendwann zwischen Erleichterung, Freude und ungläubigem Staunen stand für mich fest:
Dieses Buch wird wirklich geschrieben.
Fast 30 Stunden für ein einziges Kapitel
Mit der Rückmeldung begann die eigentliche Arbeit erst.
Fast 30 Stunden habe ich allein in die Überarbeitung des ersten Kapitels gesteckt. Ein langes Wochenende lang war ich nur kurz bei den Nachbarn zum Grillen – ansonsten habe ich geschrieben, gestrichen, verschoben, ergänzt und wieder gestrichen.
Manche Vorschläge des Lektorats konnte ich sofort nachvollziehen. Bei anderen musste ich erst ausprobieren, ob sie wirklich zu meiner Geschichte passten.
Denn ein Lektorat bedeutet nicht, dass jemand anderes das Buch übernimmt oder einem vorschreibt, wie man schreiben soll. Die Entscheidungen bleiben bei der Autorin. Aber plötzlich stellt jemand genau die Fragen, denen man selbst vielleicht lieber ausgewichen wäre.
Und dann war da noch dieses berühmte:
„Kill your Darlings.“
Nein, damit ist nicht gemeint, dass man seine Hauptfigur umbringen soll. Obwohl das je nach Geschichte durchaus vorkommen kann. 😉
Gemeint sind die Szenen, Sätze und kleinen Einfälle, die man besonders gernhat – die der Geschichte aber trotzdem nicht mehr dienen.
Auch Lieblingsszenen müssen manchmal gehen.
Das klingt zunächst ganz vernünftig. Bis man tatsächlich vor einer Szene sitzt, an der man lange gearbeitet hat und die man auf keinen Fall hergeben möchte. Dann wird aus einem einfachen Ratschlag plötzlich eine echte Überwindung.
Einige dieser gestrichenen Szenen werde ich trotzdem aufheben. Vielleicht finden sie irgendwann als kleine Outtakes ihren Platz im Schreibstübchen. Denn nur weil eine Szene nicht ins fertige Buch passt, bedeutet das noch lange nicht, dass sie vollkommen verschwinden muss.
Schreiben ist kein Sprint
Nach der Überarbeitung ging das erste Kapitel weiter ins Korrektorat. Wieder ein neuer Schritt. Wieder ein fremder Blick auf meine Worte. Und vermutlich auch wieder ein wenig Herzklopfen.
Doch dieses Mal begleitet mich dabei nicht mehr nur die Frage, ob ich gut genug bin.
Da ist jetzt auch die Gewissheit, dass meine Geschichte trägt. Dass meine Figuren die Leserinnen und Leser erreichen können. Und dass ich Bilder entstehen lasse, ohne sie künstlich mit schönen Worten schmücken zu müssen.
Bis aus einem Manuskript ein fertiges Buch wird, ist es ein langer Weg. Es wird geschrieben, geprüft, überarbeitet, gestrichen und manchmal vollkommen neu zusammengesetzt.
Schreiben ist eben kein Sprint, sondern ein Marathon.
Und ich bin noch lange nicht im Ziel.
Aber inzwischen weiß ich: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
Eure Schreibfeder aus Thüringen
