Brauchen wir einen Alltagscoach?

Erstmals im Schreibfeder-Kanal am 5. September 2026 veröffentlicht.

Hallo aus meiner Schreibstube,

nein, ich habe euch natürlich nicht vergessen. Ich bin nur irgendwie spät dran. 🙃

Eigentlich habe ich ja Urlaub. Aber vorher musste ich noch ein bisschen vorarbeiten, damit mir danach nicht alles hinterherläuft. Nebenbei findet gerade die Online-Autorenmesse mit jeder Menge Input und Workshops statt – und schwupps, ist so ein Tag wieder um. ⏰

Manchmal habe ich das Gefühl, ich brauche langsam einen Zeitmanagementcoach. Dabei gibt es inzwischen doch für fast alles einen Coach.

Einen Ernährungscoach. Einen Schlafcoach. Einen Aufräumcoach. Und vermutlich gibt es irgendwo längst jemanden, der uns erklärt, wie wir richtig atmen, während wir unseren Wocheneinkauf in eine App eintragen. 😉

Aber von einem Alltagscoach hatte ich tatsächlich noch nie gehört.

Bis wir vor einiger Zeit auf einer Schulanfängerfeier waren. Dort trafen wir auf einen jungen Mann. Er hatte bereits in einem sozialen Beruf gearbeitet, wollte sich aber gern noch einmal verändern.

Nur wusste er nicht so richtig, wohin.

Welcher Beruf passt zu mir? Was möchte ich eigentlich? Und wie finde ich heraus, wie mein Leben künftig aussehen soll?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hatte er sich Unterstützung bei einem Alltagscoach gesucht – einem Menschen, der ihm dabei helfen sollte, seinen Alltag zu ordnen und eine neue Richtung für sein Leben zu entwickeln. 🧭

Ich muss gestehen: Der Gedanke ließ mich danach nicht mehr los.

Ist unser Leben inzwischen so schnell, voll und unübersichtlich geworden, dass wir jemanden brauchen, der uns dabei hilft, es zu sortieren?

Oder war das Leben vielleicht schon immer kompliziert – und wir sprechen heute nur offener darüber, wenn wir allein nicht weiterwissen?

Meine erste Vorstellung von einem Alltagscoach war zugegebenermaßen etwas überspitzt.

Ich stellte mir jemanden vor, der morgens neben dem Bett steht und sagt:

„Nein, du musst heute nicht dein gesamtes Leben in Ordnung bringen. Es reicht, wenn du aufstehst, dich anziehst und daran denkst, den Müll mit nach draußen zu nehmen.“

Natürlich ist das nicht das, was ein Alltagscoach tatsächlich macht.

Aber die eigentliche Frage blieb:

Warum fällt es uns trotz all unserer technischen Helfer manchmal so schwer, den ganz normalen Alltag zu bewältigen?

Wir haben Geräte, die uns Arbeit abnehmen. Kalender, die uns an Termine erinnern. Apps, die unsere Schritte zählen, Einkaufslisten sortieren und uns sogar mitteilen, wann wir endlich etwas trinken sollten.

Und trotzdem fühlen wir uns oft, als würden wir den ganzen Tag einem Zug hinterherrennen, in dem unser eigenes Leben bereits ohne uns losgefahren ist. 🚂

Vielleicht liegt es gar nicht daran, dass wir unseren Alltag nicht organisieren können.

Vielleicht versuchen wir nur, alles gleichzeitig ordentlich zu halten.

🏠 Den Haushalt.
💼 Den Beruf.
❤️ Die Beziehung.
👨‍👩‍👧‍👦 Die Familie.
☕ Die Freundschaften.
🌿 Die Gesundheit.
Und irgendwo dazwischen auch noch uns selbst.

Wir nehmen uns vor, ab morgen alles anders zu machen. Früher aufzustehen. Gesünder zu essen. Mehr Sport zu treiben. Weniger auf das Handy zu schauen. Die Wohnung ordentlich zu halten und endlich all die Dinge zu erledigen, die seit Wochen auf irgendeiner Liste stehen.

Meistens scheitern wir nicht daran, dass wir zu wenig wollen.

Wir scheitern daran, dass wir zu viel auf einmal wollen.

Und dann ist da noch der wahrscheinlich meistgesagte Satz unseres Alltags:

„Ich habe ja keine Zeit.“ ⏳

Manchmal stimmt das tatsächlich. Es gibt Lebensphasen, in denen jeder Tag bis zum Rand gefüllt ist. Mit Arbeit, Familie, Sorgen, Verpflichtungen und Dingen, die sich nicht einfach verschieben lassen.

Aber manchmal bedeutet „Ich habe keine Zeit“ auch:

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Ich habe keine Kraft mehr.

Alles andere erscheint mir wichtiger.

Oder vielleicht habe ich mich auch einfach daran gewöhnt, mich selbst immer ganz hinten auf meine Liste zu schreiben.

Ich kenne diesen Satz jedenfalls sehr gut.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich neben einem Zehn-Stunden-Arbeitstag, meinem Haushalt, den Katzen und all den anderen Dingen, die das Leben ungefragt vor meiner Tür abstellt, wirklich Zeit zum Schreiben habe.

Meine erste Antwort lautete meistens: Nein.

Ich habe keine Zeit.

Irgendwann stieß ich auf einen Satz, der mich nicht mehr losgelassen hat:

Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.

Der Satz klingt im ersten Moment ein bisschen hart. Schließlich können wir uns nicht jede freie Minute einfach aus den Rippen schneiden. Und trotzdem habe ich mich gefragt:

Will ich wirklich schreiben?

Die Antwort war eindeutig: Ja. ✍️

Also musste ich aufhören, nur Gründe zu sammeln, warum es nicht geht, und anfangen, nach einem Weg zu suchen, wie es vielleicht doch gehen könnte.

Angeregt durch das Buch „Die 1%-Methode – Minimale Veränderung, maximale Wirkung“ von James Clear habe ich einmal ganz ehrlich aufgeschrieben, wie meine Tage eigentlich aussehen.

Was mache ich wann?

Welche Abläufe wiederholen sich?

Und gibt es vielleicht Zeitfenster, die ich bisher gar nicht als freie Zeit wahrgenommen habe?

Dabei stellte ich fest, dass ich durchaus Zeiten hatte, in denen ich mit mir selbst nicht besonders viel anzufangen wusste.

Dann saß ich vor dem Fernseher und schaute Netflix oder Amazon. Ich zockte am Rechner oder ließ mich einfach durch irgendetwas berieseln.

Versteht mich nicht falsch: Daran ist überhaupt nichts verkehrt.

Wir müssen nicht jede freie Minute sinnvoll nutzen. Wir dürfen fernsehen, spielen, auf dem Sofa liegen oder eine halbe Stunde lang die Wand anstarren, wenn uns danach ist. Erholung ist keine Zeitverschwendung. 🛋️

Aber ich musste mir ehrlich die Frage stellen:

Entscheide ich mich gerade bewusst dafür – oder tue ich es nur, weil ich nicht weiß, was ich sonst mit mir anfangen soll?

Und genau dort habe ich meine Zeit zum Schreiben gefunden.

Nicht in einem plötzlich freien Nachmittag. Nicht in einem zusätzlichen Wochentag, den mir jemand heimlich zwischen Dienstag und Mittwoch geschoben hat.

Sondern in diesen kleinen Zeitfenstern, die schon immer da gewesen waren.

Ich habe sie nur anders genutzt.

Denn wenn Schreiben das ist, was ich wirklich möchte, dann darf es auch einen festen Platz in meinem Leben bekommen. Nicht erst dann, wenn alles andere erledigt ist. Denn seien wir ehrlich: Alles erledigt ist vermutlich ungefähr drei Minuten vor unserem Ableben – und selbst dann fällt bestimmt noch jemandem ein, dass wir die Spülmaschine nicht ausgeräumt haben. 😉

Also fing ich klein an.

An einem Tag schrieb ich eine Seite.

Dann waren es zwei.

Mittlerweile sind es manchmal fünf.

Nicht jeden Tag läuft es gleich gut. Nicht aus jedem Zeitfenster entsteht eine großartige Szene. Manchmal sitze ich vor dem Text und frage mich, wer diesen Unsinn eigentlich geschrieben hat – bis mir einfällt, dass ich es selbst war.

Aber aus einer Seite wurden zwei. Aus zwei Seiten wurden fünf. Und aus einzelnen Schreibmomenten entstand allmählich eine Gewohnheit.

Heute beschäftige ich mich in diesen Zeitfenstern möglichst mit etwas, das ich wirklich möchte. Mit etwas, das für mich ist und mich meinem eigenen Ziel ein kleines Stück näherbringt.

Das ist für mich die wichtigste Idee aus der „1%-Methode“:

Wir müssen unser Leben nicht von heute auf morgen vollkommen umkrempeln. Kleine Veränderungen wirken zunächst unscheinbar, können aber mit der Zeit etwas Großes entstehen lassen. 🌱

Vielleicht brauchen wir deshalb gar keinen gewaltigen Neustart.

Vielleicht reicht eine kleine Gewohnheit.

Nicht:

„Ab morgen ist meine Wohnung immer ordentlich.“

Sondern:

„Bevor ich ins Bett gehe, räume ich fünf Dinge an ihren Platz.“

Nicht:

„Ich muss endlich mehr für mich tun.“

Sondern:

„Nach dem ersten Kaffee nehme ich mir zehn Minuten für etwas, das mir guttut.“ ☕

Nicht:

„Ich muss mein gesamtes Leben besser organisieren.“

Sondern:

„Heute erledige ich drei wichtige Dinge. Alles andere ist Zugabe.“

Es kann auch helfen, eine neue Gewohnheit mit etwas zu verbinden, das wir ohnehin jeden Tag tun.

Nach dem Zähneputzen die Tabletten nehmen.

Beim ersten Kaffee kurz den Tag überblicken.

Nach dem Abendessen die Küche aufräumen.

Oder vor dem Schlafengehen das Handy bewusst aus der Hand legen.

Auch unser Umfeld kann uns unterstützen.

Wenn wir morgens mehr trinken möchten, stellen wir am Abend schon das Wasser bereit. Wenn wir weniger auf das Handy schauen wollen, legen wir es nicht direkt neben uns. Wenn wir schreiben möchten, können wir den Laptop, das Notizbuch oder den Stift so bereitlegen, dass wir nicht erst eine halbe Stunde mit Vorbereitungen verbringen.

Wir müssen es uns nicht schwerer machen, als das Leben ohnehin schon ist.

Und vielleicht muss auch gar nicht jeder Bereich unseres Lebens gleichzeitig funktionieren.

Vielleicht reicht es, wenn ein Teil verlässlich ist.

Für den einen ist es der Haushalt. Nicht klinisch sauber, aber so, dass man nach einem langen Tag nach Hause kommt und nicht sofort das Gefühl hat, die Wohnung hätte noch eine persönliche Beschwerdeliste vorbereitet.

Für den anderen ist es der Beruf. Dort gibt es Abläufe, Listen und feste Zeiten – während zu Hause das Leben ruhig ein wenig kreuz und quer auf dem Sofa liegen darf.

Und wieder jemand achtet besonders auf sein Privatleben. Auf gemeinsame Mahlzeiten, einen freien Abend, einen Spaziergang oder darauf, sich regelmäßig Zeit für etwas zu nehmen, das nur ihm selbst gehört.

Vielleicht braucht das Leben gar keine vollkommene Ordnung.

Vielleicht braucht es nur einen verlässlichen Anker. ⚓

Einen Bereich, bei dem wir sagen können:

Hier kenne ich mich aus.
Hier weiß ich, was als Nächstes kommt.
Hier muss ich nicht jeden Tag alles neu entscheiden.

Und wenn unsere kleine Gewohnheit an einem Tag nicht funktioniert?

Dann ist sie nicht gescheitert.

Dann war es einfach ein schlechter Tag.

Denn in jedem Fehler steckt ein Helfer. Man muss nur die Buchstaben neu sortieren – und beim nächsten Versuch vielleicht auch ein paar Dinge. 🔄

Wir dürfen stolpern. Wir sollten nur irgendwann wieder aufstehen – möglichst, bevor wir es uns auf dem Fußboden gemütlich eingerichtet haben.

Vielleicht brauchen wir also gar keinen Menschen, der uns den Alltag erklärt.

Vielleicht brauchen wir jemanden, der uns hin und wieder daran erinnert, dass ein unperfekter Alltag kein gescheitertes Leben ist.

Dass nicht alles gleichzeitig ordentlich sein muss.

Dass kleine Schritte zählen.

Und dass wir manchmal mehr Zeit für unsere Wünsche haben, als wir glauben – wenn wir bereit sind, ehrlich hinzuschauen und ihnen einen Platz in unserem Leben zu geben.

Wofür sagt ihr schon lange: „Ich habe keine Zeit“? Und könnte sich irgendwo in eurem Alltag vielleicht doch ein kleines Zeitfenster dafür verstecken?

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende mit ganz viel Zeit für Euch. 🌿❤️

Eure Schreibfeder aus Thüringen 🪶

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