
Die Mutter, die gut versteckt war
Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 24. Juli 2026.
Hallo aus meiner Schreibstube,
entschuldigt bitte, dass ich mich am Dienstag nicht gemeldet habe. Leider ging es mir gesundheitlich nicht gut genug, um mich auf das Schreiben konzentrieren zu können. Mein Kopf drehte sich ein wenig, und außerdem musste ich mehrere Arzttermine wahrnehmen.
Aber inzwischen ist wieder alles gut. 😊
Na ja – fast alles.
Denn zu allem Überfluss habe ich mir am Mittwoch auch noch den kleinen Zeh gebrochen.
Aber nein: Ich bin nicht tollpatschig.
Ich bin höchstens … huchbegabt.

Und vom Schreiben hält mich der Zeh zum Glück auch nicht ab. Schließlich schreibe ich mit den Fingern – noch jedenfalls. 😂
Aber kommen wir nun wieder zu einer Geschichte. Schließlich seid ihr zum Lesen hier und nicht, um euch mein Leid anzuhören. 😊
Es heißt, wir alle tragen Masken. Meistens besitzen wir nicht nur eine. Je nach Situation wechseln wir sie fast unbemerkt – wie eine Uniform.
Im Beruf sind wir vielleicht die souveräne Geschäftsfrau oder der sachliche Kollege. 👩💼 Zu Hause schlüpfen wir in die Rolle der perfekten Mutter oder des fürsorglichen Partners. 🏡 Bei Freunden zeigen wir eine andere Seite als bei unseren Eltern oder unseren Kindern. 🤝
Keine dieser Masken ist zwangsläufig unecht. Sie hilft uns, den unterschiedlichen Anforderungen des Lebens gerecht zu werden.
Wenn ich euch zum Beispiel Katja, die Mutter meiner Familie Wegener, beschreiben müsste, würde ich sagen, dass sie kontrollierend und übervorsichtig ist – vielleicht sogar ein kleines bisschen eine Helikoptermutter.
Ich denke, diesen Eindruck hattet ihr auch, als ihr sie im ersten Kapitel kennengelernt habt.
Katja ist sehr organisiert und aufmerksam. Als technische Zeichnerin muss sie genau arbeiten, und manchmal ist sie vielleicht auch ein wenig ängstlich. Sie plant, kontrolliert und versucht, ihre Familie vor allem zu beschützen, was schiefgehen könnte.
Doch heute könnt ihr sie von einer ganz anderen Seite kennenlernen.
Ich habe einmal das Kind in ihr hervorgeholt, ihre gewohnte Maske ein wenig verrutschen lassen und ihr erlaubt, einfach nur Spaß zu haben.
Vielleicht erinnert das die eine oder den anderen von euch an die eigene Jugend. Denn ich habe den Eindruck: Je älter wir werden, desto vorsichtiger werden wir.
Oder was sagt ihr?
„Die Kühltasche“, sagte Tom.
Katja blieb mit einer Hand an der Autotür stehen.
„Was ist mit der?“
Tom sah in den Kofferraum. Dann zu ihr. Dann wieder in den Kofferraum.
„Sie ist nicht da.“
Jonas lehnte neben dem Wagen und zog die Sonnenbrille ein Stück herunter. „Mama hat die Kühltasche vergessen?“
Flo riss die Augen auf. „Mit Absicht?“
„Natürlich nicht mit Absicht.“ Katja tastete ihre Jackentaschen ab, als könnte sich die Tasche dort versteckt haben. „Sie steht vermutlich noch in der Küche.“
Tom hob eine Augenbraue. „Mit den Getränken.“
„Und den Broten“, ergänzte Jonas.
„Und meinen Salzstangen“, sagte Flo.
Drei Paar Augen lagen auf ihr.
Normalerweise hätte Katja jetzt den Autoschlüssel verlangt. Sie hätte ausgerechnet, wie viele Minuten die Rückfahrt kostete und ob sich dadurch die reservierte Führung verschob. Wahrscheinlich hätte sie Tom vorgeworfen, dass er den Kofferraum nicht kontrolliert hatte.
Stattdessen schlug sie die Autotür zu.
„Dann kaufen wir uns eben etwas.“
Jonas schob die Sonnenbrille wieder hoch. „Wer sind Sie, und was haben Sie mit unserer Mutter gemacht?“
„Sehr witzig.“
Sie gingen zum Eingang des Freizeitparks. Bereits hinter dem Drehkreuz blieb Katja stehen. Rechts führte der Weg zu den Tiergehegen, links zum Riesenrad. Geradeaus schoss eine Achterbahn rasselnd in die Tiefe.
Flo zeigte nach oben. „Da will ich drauf.“
„Du warst noch nie auf einer Achterbahn“, sagte Tom.
„Deswegen ja.“
Katja sah zu den Wagen. Menschen schrien, während sie kopfüber durch einen Looping rasten.
„Auf keinen Fall“, sagte Jonas. „Mama kriegt schon einen Herzinfarkt, wenn Flo ohne Helm zum Baumhaus fährt.“
„Ich fahre mit“, sagte Katja.
Für einen Moment sprach niemand.
Tom blinzelte. „Du?“
„Ja, ich.“
„Du fährst nicht mal Kettenkarussell“, sagte Jonas.
Katja zog ihre Jacke aus und drückte sie Tom in die Hand.
„Vielleicht, weil ich bisher immer eure Sachen halten musste.“
Flo begann zu grinsen. „Echt jetzt?“
„Bevor ich es mir anders überlege.“
Er packte sie am Arm und zog sie zur Warteschlange.
Zehn Minuten später saß Katja neben ihm im Wagen. Der Sicherheitsbügel rastete ein. Sie rüttelte zweimal daran.
„Der hält“, sagte Flo.
„Ich habe nur geprüft.“
„Klar.“
Der Wagen setzte sich ruckelnd in Bewegung. Katja griff nach Flos Hand.
„Mama.“
„Was?“
„Du zerquetschst meine Finger.“
Sie ließ ihn los.
Oben auf dem höchsten Punkt blieb der Wagen für einen Herzschlag stehen. Unter ihnen wirkten Tom und Jonas so klein, dass Katja sie kaum erkennen konnte.
Dann kippte die Bahn nach vorn.
Katja schrie.
Nicht erschrocken. Nicht ängstlich.
Sie schrie so laut, dass Flo neben ihr zu lachen begann. Nach der ersten Kurve lachte sie mit. Ihre Haare flogen ihr ins Gesicht, ihr Magen blieb irgendwo hinter ihnen zurück, und zum ersten Mal an diesem Tag dachte sie nicht daran, ob Flo zu blass war, Jonas genug gegessen hatte oder Tom die Eintrittskarten sicher verstaut hatte.
Als der Wagen zum Stehen kam, schwankte sie beim Aussteigen.
Tom wartete am Ausgang. „Alles in Ordnung?“
Katja schob sich die Haare aus dem Gesicht.
„Noch mal.“
Jonas starrte sie an. „Das ist nicht unsere Mama“, sagte er zu Flo.
Flo hakte sich bei ihr unter.
„Doch“, sagte er. „Die war nur die ganze Zeit gut versteckt.“
Ein schönes Wochenende!
Eure
Schreibfeder aus Thüringen
