
Die nackte Wahrheit
Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 14. Juli 2026.
Hallo aus meiner Schreibstube – oder heute vielleicht auch aus der Rubrik „Unnützes Wissen online“.
Wusstet ihr, dass heute der Internationale Tag der Nacktheit ist?
Und als wäre das noch nicht genug unnützes Wissen für einen Dienstag: SpongeBob hat heute ebenfalls Geburtstag.
Keine Sorge: Ich werde heute weder nackt schreiben noch Beweisfotos aus meiner Schreibstube oder von mir im SpongeBob-Kostüm veröffentlichen. 😉
Aber Nacktheit bedeutet schließlich nicht immer, dass man keine Kleidung trägt.
Körperliche Nacktheit ist sichtbar.
Emotionale Nacktheit ist oft viel schwerer.
Denn dabei legt man nicht seinen Körper frei, sondern all das, was man sonst gut versteckt:
die Angst, nicht zu genügen,
die Sehnsucht, gesehen zu werden,
die Schuld, über die man nicht spricht,
die Trauer, die man lieber überspielt,
oder die Hoffnung, die man kaum auszusprechen wagt.
Gerade beim Schreiben passiert das schnell.
Man glaubt, man erfindet eine Figur – und plötzlich steht zwischen den Zeilen etwas von einem selbst. Vielleicht keine konkrete Erfahrung, aber ein Gefühl, das man kennt.
Doch wie ist es im wirklichen Leben?
Tragen wir unser Herz auf der Zunge und sagen offen, was wir denken und fühlen?
Oder ziehen wir uns lieber noch eine zusätzliche Schutzschicht über, damit bloß niemand sieht, was wirklich in uns vorgeht?
Ich habe mir für heute vorgenommen, einem Menschen die nackte Wahrheit zu sagen.
Nicht, um ihn zu verletzen oder ihm einmal ordentlich die Meinung zu geigen. Sondern um etwas auszusprechen, das ich schon länger fühle und bisher für mich behalten habe.
Und das kostet mich durchaus Überwindung. Denn auch ich bin eher ein verschlossener Mensch, der nicht besonders gern über seine Gefühle spricht, sondern lieber darüber schreibt.
Vielleicht ist emotionale Nacktheit manchmal genau das:
den Mut zu haben, einem anderen Menschen einen kurzen Blick hinter die eigenen Schutzschichten zu erlauben.
So könnte ein solcher Moment aussehen:

Er stellte die Tasse in den Schrank, obwohl sie dort nicht hingehörte.
Sie sah es. Sagte aber nichts.
„Du bist heute so still“, meinte sie schließlich.
„Bin ich doch immer.“
Er wollte lächeln. Es wurde nur dieses kurze Verziehen der Mundwinkel, mit dem er ihr zeigen wollte, dass alles in Ordnung war.
Sie schloss die Schranktür und lehnte sich dagegen.
„Was ist los?“
„Nichts.“
Das Wort fiel schnell. Geübt. Fast glaubwürdig.
Er sah auf seine Hände. Dann zur Tür. Für einen Moment dachte er daran, einfach zu gehen und das Gespräch auf später zu verschieben. Wie immer.
Er holte tief Luft.
„Nach außen hin tue ich so, als hätte ich alles im Griff“, sagte er schließlich. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Aber insgeheim wünsche ich mir, dass du hinter meine Fassade blickst.“
Sie antwortete nicht sofort.
Sie trat nur einen Schritt näher.
Und plötzlich fühlte er sich, als stünde er nackt vor ihr – obwohl er noch immer seinen Pullover trug.
Manchmal braucht es eben keine abgelegte Kleidung, um sich vollkommen ungeschützt zu zeigen.
Wie offen sprechen wir über unsere Gefühle?
Anschließend habe ich die Mitglieder meines Schreibfeder-Kanals gefragt, wie leicht es ihnen fällt, offen über ihre Gefühle zu sprechen.
Die häufigste Antwort lautete:
„Nur bei Menschen, denen ich wirklich vertraue.“
Jeweils zwei Personen sprechen meistens offen über ihre Gefühle, behalten vieles lieber für sich oder können sich schriftlich leichter ausdrücken als im Gespräch.
Damit bin ich offenbar nicht allein. 😉
Vielleicht brauchen wir gar nicht weniger Schutzschichten. Vielleicht brauchen wir nur einzelne Menschen, bei denen wir sie für einen Moment ablegen können.
Eure
Schreibfeder aus Thüringen
