
Hunger – wer hier wirklich das Sagen hat
Erstmals im WhatsApp-Kanal veröffentlicht am 21. Mai 2026
Ein kleiner Schreibimpuls zum Thema „Hunger“. Viel Spaß beim Lesen. 😉
Ich sitze neben ihr auf dem Stuhl und starre sie an. Ich starre so intensiv, dass irgendwo im Flur eine Futtertüte vor Angst hätte aufplatzen müssen.
Nichts.
Sie tippt schon wieder an diesem Impuls von Christine herum und tut so, als wäre das wichtiger als mein nahender Hungertod.
Echt jetzt?
Ich maunze auffordernd. Langgezogen. Tragisch. Opernreif.
Normalerweise reicht Stufe eins. Heute nicht.
„Mhm“, murmelt sie nur und tippt weiter.
Unfassbar. Also pikse ich ihr die Kralle in den Oberschenkel. Nicht doll. Nur so viel, dass sie versteht, worum es hier geht. Sie streichelt mir geistesabwesend über den Kopf.
„Nur noch kurz.“
Kurz? KURZ?
Ich schnurre jetzt so laut, dass problemlos ein Versorgungshubschrauber auf dem Wohnzimmertisch landen könnte.
Trotzdem starrt sie weiter auf diesen Bildschirm. Was ist das überhaupt für ein Text, der wichtiger sein soll als mein Überleben?
Gut. Dann eben anders.
Mit einem eleganten Satz springe ich auf die Fensterbank. Neben mir: diese hässlichen Porzellanfrösche, die sich seit Jahren angrinsen, als hätten sie gemeinsam den Teichreiniger ermordet.
Ich sehe sie an. Sie sehen mich an.
Dann schiebe ich.
BÄM.
Die Frösche zerschellen auf den Fliesen. Endlich fährt sie herum.
„Oh nein!“
Ja, oh nein. Stell dir vor, jemand hat HUNGER.
Aber statt sofort zum Futterschrank zu laufen, murmelt sie nur:
„Einen Satz noch …“
Das war ihr letzter Fehler.
Ich marschiere in den Flur, springe auf die Kommode und angle mit der Pfote nach einer Futtertüte. Auf dem Boden sitzt meine Katzenmitbewohnerin und schaut ehrfürchtig zu, als liefe eine Dokumentation über Meisterdiebe.
Die Tüte kippt. Ich schiebe ihr großzügig auch eine herunter. Man hat ja Klasse.
Triumphierend verschwinden wir mit unseren Beutetüten unter dem Bett.
Wir ziehen uns exakt in die Mitte zurück – an jenen strategischen Punkt, von dem wir wissen, dass sie dort niemals mit ihren Armen hinkommt. Ein Knistern und Schmatzen erfüllt die Dunkelheit.
Als sie schließlich mit der Taschenlampe bewaffnet auf allen Vieren über den Boden robbt und den Lichtstrahl unter das Bett gleiten lässt, blinzle ich ihr nur kurz entgegen.
Ein Blick, der sagt: Schreib ruhig weiter über Hunger, Schätzchen. Ich habe das Thema gerade praktisch abgeschlossen.
Am Ende ist es sie, die feststellt: Die eigentliche Lektion war nicht Hunger – sondern wer hier wirklich das Sagen hat.
