Manche Seiten haben Eselsohren

Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 7. Juli 2026.

Hallo aus meiner Schreibstube,

an euren Reaktionen und den E-Mails – übrigens vielen Dank dafür 😊 – habe ich bereits gemerkt, dass die Kiste etwas mit uns gemacht hat.

Man sagt ja manchmal:

„Man muss nur die Seite umschlagen.“

Als wäre das ganz einfach.

Eine Seite umzuschlagen bedeutet aber nicht, dass das Vorherige verschwindet.

Es steht immer noch da.
Schwarz auf weiß.
Es gehört weiterhin zur Geschichte.

Nur liest man nicht für immer denselben Absatz.

Vielleicht ist genau das die Kunst:

Nicht zu vergessen, was war.
Nicht so zu tun, als hätte es nicht wehgetan.
Aber irgendwann trotzdem weiterzublättern.

Nicht, weil die alte Seite unwichtig geworden ist.

Sondern weil die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

Genau darum geht es auch in meinem Roman.

Um Menschen, die auf einer Seite festhängen.

Und um die Frage, wie man weiterlebt, wenn man eigentlich noch gar nicht bereit ist, umzublättern.

Manche Momente halten uns fest

Es muss allerdings nicht immer etwas Schlimmes sein, das uns auf einer Seite festhält.

Manchmal ist es auch ein Moment.
Ein Satz.
Ein Blick.

Oder ein Kuss.

Am 6. Juli war der Internationale Tag des Kusses.

Das habe ich natürlich erst einen Tag später mitbekommen.

Sehr typisch für mich. 😉

Vielleicht ist das aber gar nicht schlimm, denn manche Küsse kommen schließlich ebenfalls zu spät.

Der erste Kuss.
Der falsche Kuss.
Der längst überfällige Kuss.
Der Kuss, den man nie bekommen hat.
Oder der, an den man sich viel zu lange erinnert.

Für Geschichten ist ein Kuss jedenfalls ein ziemlich gefährliches Ding.

Er kann alles verändern.

Oder alles komplizierter machen.

Manchmal sogar beides gleichzeitig.

Und deshalb frage ich mich:

Welcher Kuss wäre in einer Geschichte am spannendsten?

💋 Der erste Kuss?
💔 Der verbotene Kuss?
😳 Der peinliche Kuss?
🔥 Der Kuss, der alles verändert?
🙈 Oder der Kuss, der besser nie passiert wäre?

Ich fand den Kuss, der besser nie passiert wäre, besonders spannend.

Und nicht etwa, weil er so furchtbar war.

Auch nicht, weil er wehtat.

Und erst recht nicht, weil danach irgendwo dramatisch ein Glas Rotwein zersprang.

Nein.

Der Kuss, der nicht zählte

Es war einer dieser Küsse, die passieren, weil zwei Menschen gleichzeitig zu viel Mut und zu wenig Verstand haben.

Sie standen damals hinter der Turnhalle.

Es regnete.

Natürlich regnete es. In Geschichten regnet es schließlich immer, wenn jemand eine schlechte Entscheidung trifft.

Er roch nach Pfefferminzbonbon und Nervosität.

Sie nach nasser Jacke und Trotz.

„Das zählt aber nicht“, sagte sie sofort danach.

„Warum nicht?“, fragte er.

„Weil es geregnet hat.“

Er blinzelte sie an.

„Das ist keine offizielle Regel.“

„Ab jetzt schon.“

Fünfzehn Jahre später saßen sie sich wieder gegenüber.

Bei Kaffee, der zu stark war, und Kuchen, der aussah, als hätte ihn jemand unter Druck gesetzt.

Zwischen ihnen lagen eine Scheidung, zwei halbe Lebensläufe und dieser eine Kuss, der angeblich nie gezählt hatte.

Er rührte in seiner Tasse.

Sie tat so, als würde sie die Speisekarte lesen.

Dann sagte er:

„Regnet übrigens nicht.“

Und genau da wusste sie, dass manche Seiten vielleicht umgeschlagen waren.

Aber ein paar Eselsohren blieben.

Eure
Schreibfeder aus Thüringen 🪶

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