
Morgen sagst du Ja – Teil 1
Erstmals im Schreibfeder-Kanal am 8. September 2026 veröffentlicht.
Teil 1 von 3
Der Goldfisch sah Pete an, als wäre das alles schon wieder seine Schuld.
Von irgendwoher kam ein Kratzen.
Hinter der Wand vielleicht. Oder unter dem Boden. So genau ließ sich das nicht sagen.
Gismo kauerte vor der Fußleiste. Ihre Ohren zuckten bei jedem Geräusch.
Es klang wie ein hastiges Scharren, als würde etwas versuchen, sich durch das Holz zu fressen.
Kratz. Kratz. Kratz.
„Eine Maus“, sagte Clara.
„Wir wohnen im zweiten Stock.“
„Mäuse können Treppen steigen.“
„Vielleicht sollte ich ein Schild aufstellen.“
Clara sah ihn an. „Mäuse müssen draußen bleiben?“
„Benutzung des Treppenhauses nur für Hausbewohner.“
Das Kratzen verstummte.
Gismo blieb sitzen.
Im Aquarium stieg eine einzelne Luftblase nach oben. Der Goldfisch öffnete das Maul und schloss es wieder. Empört, wie Clara fand. Aber seit der Sache mit seinem umgekippten Glas und der qualmenden Sofaecke nahm er grundsätzlich alles persönlich.
„Wenn gleich wieder eine fremde Katze unter meinem Bett hervorkommt, geht ihr beide nach Hause“, sagte Pete.
Clara verschränkte die Arme. „Ich schwöre, das war ich nicht.“
Gismo drehte den Kopf zu ihr.
„Diesmal wirklich nicht.“
Das Kratzen begann erneut.
Die Katze sprang auf und fuhr mit der Pfote über eine Diele nahe der Wand. Ihre Krallen blieben in einem schmalen Spalt hängen.
Pete kniete sich neben sie.
„Lass das.“
Gismo ließ es nicht.
„Sie hat ihren eigenen Kopf“, sagte Clara.
„Woher kenne ich das nur?“
„Keine Ahnung.“
Pete holte einen Schraubenzieher. Die Diele saß lockerer, als sie sollte. Nach kurzem Hebeln gab sie mit einem trockenen Knacken nach.
Darunter kam ein flacher Zwischenraum zum Vorschein. Ein Holzbalken verlief quer durch grauen Staub und alte Dämmwolle. Direkt dahinter lag ein Stück verblichener Stoff.
„Das gefällt mir nicht“, sagte Clara.
„Mir auch nicht.“
„Warum hast du die Diele dann geöffnet?“
Pete betrachtete das Stück Stoff.
„Weil es mir noch weniger gefällt, nicht zu wissen, was darunterliegt.“
„Das klingt verdächtig nach einem Satz, den wir gleich bereuen werden.“
Pete schob die Spitze des Schraubenziehers unter den verblichenen Stoff und zog das Bündel vorsichtig aus dem Hohlraum.
Etwas Kleines fiel heraus.
Metall klirrte auf dem Boden.
Clara wich zurück.
„Bitte sag, dass das kein Finger ist.“
Pete ging in die Hocke.
Die Haut war dunkel und trocken, beinahe wie Pergament. An der Form ließ sich trotzdem erkennen, was dort vor ihnen lag.
Ein kleiner Finger.
Daneben lag ein schmaler silberner Ring. Offenbar war er beim Herausziehen vom vertrockneten Finger geglitten.
„Vielleicht ist er nicht echt“, sagte Clara.
„Der Finger oder der Ring?“
„Such dir etwas aus.“
Pete beugte sich über den Ring.
Auf der Innenseite standen zwei Namen.
Clara & Pete
Darunter war ein Datum eingraviert.
Das Datum des nächsten Tages.
Clara las es zweimal. Ihre Hände wurden kalt.
„Pete?“
Er antwortete nicht.
„Warum stehen unsere Namen auf diesem Ring?“
Pete richtete sich langsam auf. Sein Blick wanderte vom Finger zur Küche.
„Warte hier.“
„Ganz bestimmt nicht.“
Sie folgte ihm.
Pete nahm die Kaffeedose aus dem Schrank. Er öffnete sie, schob die Bohnen zur Seite und holte ein kleines schwarzes Kästchen hervor.
Clara spürte, wie ihr Herz einen Schlag ausließ.
Pete klappte es auf.
Das Kästchen war leer.
Eine Weile sagte keiner etwas.
„Du wolltest mir einen Antrag machen“, sagte Clara schließlich.
Pete fuhr sich über den Nacken. „Morgen.“
„Mit einem Ring aus einer Kaffeedose?“
„Da schaust du nie hinein.“
„Ich trinke Tee.“
„Eben.“
Clara sah auf das leere Kästchen. Alles in ihr wollte fragen, was Pete geglaubt hatte, was sie antworten würde. Doch der kleine Finger lag noch immer im Wohnzimmer.
„Jemand hat den Ring genommen“, sagte sie.
Pete nickte.
„Jemand war in meiner Wohnung.“ Seine Stimme klang ruhig. Zu ruhig.
Aus dem Flur kam ein leises Knacken.
Clara drehte sich zur offenen Küchentür.
Dann rauschte es.
Nicht aus Richtung der geöffneten Diele.
Direkt aus der Wand.
Durch die Tür sah Clara Gismo mitten im Flur stehen. Der Rücken der Katze war gekrümmt, ihr Schwanz aufgeplustert. Sie blickte nicht mehr zur aufgehebelten Diele, sondern starrte auf eine kleine Lüftungsöffnung knapp über der Fußleiste.
Das Rauschen brach ab.
Eine Männerstimme flüsterte:
„Leg den Ring zurück.“
Pete trat an Clara vorbei in den Flur und stellte sich vor sie.
„Wer ist da?“
Keine Antwort.
Gismo fuhr herum und lief den Flur hinunter. Vor dem Hauswirtschaftsraum blieb sie stehen.
Clara und Pete folgten ihr.
Gismo setzte vorsichtig eine Pfote über die Schwelle. Dann hob sie den Kopf und starrte zur Decke.
Etwas Weißes fiel herab.
Eine kleine Flocke landete direkt vor ihr auf dem Boden.
Dann noch eine.
Gismo fauchte.
Eine der Deckenplatten bewegte sich.
Pete zog Clara einen Schritt zurück.
Jetzt standen sie unmittelbar darunter.
Und direkt über ihnen sagte jemand ganz leise:
„Clara.“
