
Pause ja – aber bitte nicht so, dass es nach Pause aussieht
Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 10. Juli 2026.
Frau Keller ist eine fiktive Figur. Die folgende Szene ist literarisch verdichtet und bildet keine bestimmte reale Person oder Begebenheit ab.
Hallo aus meiner Schreibstube,
diese Woche habe ich wieder einmal eine Figur entworfen, die natürlich überhaupt nichts mit meinem echten Leben zu tun hat. 😉
Ich bin mir allerdings ziemlich sicher: Ihr habt so jemanden bestimmt ebenfalls schon einmal kennengelernt.
Vielleicht kommen euch Sätze wie diese bekannt vor:
„Wir müssen alle ein bisschen professioneller auftreten.“
Oder:
„Es geht nicht um dich persönlich.“
Oder auch:
„Man wird ja wohl noch etwas ansprechen dürfen.“
Solche Figuren sind mir fast die liebsten.
Nicht, weil sie besonders angenehm wären, sondern weil sie nicht einfach nur platt böse sind. Sie bestehen aus Unsicherheit, Statusdenken und sozialer Tarnung.
Man könnte auch sagen:
„Nett ist sie ja.“
Und wir wissen alle: Nett ist manchmal nur die kleine Schwester von … na ja. Ihr wisst schon.
Licht an. Nebel weg.
Doch wie geht man im wirklichen Leben damit um, wenn einem ein solcher Mensch in der Führungsebene begegnet?
Vielleicht ist der wichtigste Satz, den man sich merken kann:
Nicht erklären.
Nicht rechtfertigen.
Und schon gar nicht in das Spiel einsteigen.
Sachlich zu bleiben könnte der richtige Weg sein.
Also genau das Gegenteil von dem, was ihr gleich in der kleinen Szene lesen könnt.
Denn solche Menschen leben davon, dass andere sich verunsichern lassen. Darum ist die beste Haltung häufig eine ruhige, beinahe langweilige Sachlichkeit.
Kein Gegengift mit Gift.
Eher:
Licht an.
Nebel weg.
Im echten Leben fällt mir das, ehrlich gesagt, ebenfalls immer wieder schwer.
Literarisch lässt sich meine Frau Keller dafür großartig verarbeiten. Für einen Krimi wäre sie jedenfalls eine Figur, bei der es an möglichen Verdächtigen nicht mangeln dürfte.
Denn Frau Keller ist nach außen freundlich, bemüht, lächelnd und verständnisvoll.
„Wir sind doch ein Team.“
In der Sache ist sie kontrollierend, kleinmachend und statusbewusst.
Und wenn man sie festnageln möchte, zieht sie sich sofort ins Missverständnis zurück:
„Das habe ich doch gar nicht so gemeint.“
Das Gefährliche an ihr ist nicht die offene Bosheit.
Es ist diese weiche Herablassung.
Sie sticht nicht mit dem Messer zu.
Sie reicht es einem vorher noch mit einem Lächeln. 😉
Pause ja – aber bitte nicht so, dass es nach Pause aussieht
Sie trat nicht sofort auf die Terrasse hinaus.
Zuerst blieb sie hinter der Glasscheibe stehen, eine Hand am Türgriff, die Lippen zu diesem kleinen Lächeln verzogen, das bei ihr nie ganz bis zu den Augen reichte.
Draußen saßen drei Mitarbeiterinnen aus dem Service mit dem Hausmeister am runden Tisch neben den Blumenkübeln. Vor ihnen standen Pappbecher. Einer hatte die Füße ausgestreckt, jemand lachte.
Es war Pause.
Offiziell jedenfalls.
Sie öffnete die Tür.
Nicht laut. Nicht plötzlich. Nur gerade so, dass alle merkten, dass jetzt jemand dazugekommen war, der nicht dazugehörte und es trotzdem bestimmen konnte.
„Ach, hier seid ihr.“
Der Satz klang freundlich. Fast erleichtert. Als hätte sie sich Sorgen gemacht.
Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah von einem Gesicht zum anderen, ohne irgendwo wirklich hängen zu bleiben.
„Ich will euch eure Pause wirklich gönnen“, sagte sie. „Das wisst ihr.“
Natürlich wussten sie das nicht.
Aber niemand widersprach.
Der Hausmeister stellte seinen Becher ab.
Zu schnell.
„Es geht nur darum“, fuhr sie fort, „dass wir hier ein Haus mit einem gewissen Anspruch sind. Und wenn Gäste vorbeikommen und sehen, dass Service und Technik draußen zusammen Kaffee trinken …“
Sie machte eine kleine Pause.
Nicht lang genug, um eine Frage zu sein. Nur lang genug, damit sich jeder selbst schuldig fühlen konnte.
„Dann fragt man sich eben, was das für ein Bild gibt.“
Eine der Servicemitarbeiterinnen richtete sich auf.
„Aber wir haben doch Pause.“
„Natürlich.“ Das Lächeln blieb. „Darum geht es ja gar nicht.“
Doch.
Genau darum ging es.
Sie strich eine unsichtbare Falte aus ihrem Blazer.
„Es geht mir nur um Wahrnehmung. Um Außenwirkung. Ihr wisst ja, wie schnell Gäste etwas falsch verstehen.“
Der Hausmeister sah auf seine Hände. Die Servicemitarbeiterin neben ihm presste die Lippen zusammen.
„Also dürfen wir hier nicht sitzen?“, fragte sie.
Jetzt hob die Vorgesetzte beide Augenbrauen, als hätte man ihr etwas ausgesprochen Gemeines unterstellt.
„Das habe ich doch überhaupt nicht gesagt.“ Ihre Stimme wurde noch weicher. „Bitte leg mir nichts in den Mund. Man kann ja über alles reden.“
Niemand redete.
„Ich wollte euch nur sensibilisieren“, sagte sie. „Mehr nicht.“
Dann drehte sie sich um und ging zurück ins Haus.
Durch die Glasscheibe sah man noch, wie sie an der Rezeption stehen blieb, einer Kollegin etwas zuflüsterte und dabei kurz zur Terrasse hinübersah.
Sie lächelte.
Und draußen schmeckte der Kaffee plötzlich kalt.
Nach der Sensibilisierung
Einen Moment sagte niemand etwas.
Nur die Tür fiel hinter Frau Keller ins Schloss – leise und endgültig, als hätte sie selbst beim Gehen noch darauf geachtet, keinen falschen Eindruck zu machen.
Der Hausmeister sah ihr durch die Scheibe nach. Dann nahm er seinen Kaffeebecher, roch daran und stellte ihn wieder ab.
„Komisch“, sagte er. „Eben hat er noch geschmeckt.“
Mira schnaubte leise, aber es wurde kein richtiges Lachen daraus.
Elena saß sehr gerade auf ihrem Stuhl. Ihre Hände lagen um den Becher, als müsste sie ihn festhalten, damit sie nicht etwas anderes tat.
„Was soll das denn heißen, wir geben kein gutes Bild ab?“, fragte sie.
„Das heißt“, sagte der Hausmeister, „dass ich offenbar als Bildschaden gelte.“
„Ach, Quatsch“, sagte Mira sofort.
Zu schnell.
Dann sah sie zur Tür.
„Also … du weißt schon, wie sie das meint.“
„Nein“, sagte er. „Weiß ich nicht.“
Wieder Stille.
Von drinnen kam das helle Klingeln der Rezeption. Jemand lachte in der Lobby. Ein Gast zog seinen Rollkoffer über die Fliesen – dieses harte Rattern, das immer klang, als würde gleich etwas Wichtiges kaputtgehen.
Elena beugte sich ein Stück vor.
„Sie meint, dass wir uns nicht zu wohlfühlen sollen.“
Mira sah sie an.
„Was?“ Elena hob die Schultern. „Ist doch so. Pause ja. Aber bitte nicht so, dass es nach Pause aussieht.“
Der Hausmeister grinste schief.
„Vielleicht sollten wir uns beim Kaffeetrinken hinstellen. Mit einem Besen in der Hand. Dann wirkt es fleißiger.“
Jetzt lachte Mira doch.
Kurz.
Erschrocken über sich selbst.
„Sag das nicht zu laut“, murmelte sie. „Sonst steht es nächste Woche im Pausenleitfaden.“
Elena starrte auf ihren Becher.
„Ich hasse dieses: ‚Ich will euch eure Pause ja gönnen.‘“
Sie machte Frau Kellers Stimme nicht nach.
Nicht richtig.
Nur genug, dass alle sie sofort erkannten.
Der Hausmeister nickte.
„Wenn jemand betonen muss, dass er einem etwas gönnt, gönnt er es meistens nicht.“
Mira zog den Reißverschluss ihrer Weste ein Stück höher, obwohl es warm war.
„Sie hat mich letzte Woche gefragt, ob ich nicht ein bisschen viel mit euch aus der Technik rede.“
„Mit uns?“ Der Hausmeister legte eine Hand auf die Brust. „Wir sind also schon eine Gefahrengruppe.“
„Sie hat es natürlich nicht so gesagt.“
„Natürlich nicht.“
Elena sah zur Tür.
„Sie sagt nie etwas so. Das ist ja das Problem.“
Für einen Moment hörte man nur den Wind in den Blumenkübeln und das entfernte Klappern von Geschirr aus dem Frühstücksraum.
Dann sagte Mira leise:
„Und wenn du sie darauf ansprichst, bist du empfindlich.“
Der Hausmeister nahm seinen Becher wieder hoch.
„Oder du hast sie falsch verstanden.“
„Oder sie wollte nur sensibilisieren“, sagte Elena.
Diesmal lachten sie alle.
Nicht laut. Nicht frei.
Eher so, wie man lacht, wenn man weiß, dass einem sonst etwas anderes aus dem Gesicht fallen würde.
Der Hausmeister trank einen Schluck und verzog das Gesicht.
„Kalt“, sagte er.
Elena stand auf.
„Passt ja.“
Mira sammelte die leeren Zuckerpäckchen zusammen, obwohl sie nicht von ihr waren.
„Wir sollten reingehen“, sagte sie.
Der Hausmeister sah sie an.
„Die Pause ist noch nicht vorbei.“
Mira blickte zur Glasscheibe.
Frau Keller stand nicht mehr dort.
Trotzdem senkte sie die Stimme.
„Nein“, sagte sie. „Aber sie fühlt sich so an.“
Eure
Schreibfeder aus Thüringen
