
Sozial inkompatibel? Nein. Sozial wählerisch.
Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 28. Juli 2026.
Guten Morgen aus meiner Schreibstube,
meine Schwägerin schickte mir am Samstag ein Bild mit der Botschaft:
„Ich kann nicht verändert werden. Ich muss so geliebt werden, wie ich bin.“
Dazu muss man wissen: Sie bezeichnet mich gern als ihre Lieblingsschwägerin. Ich bin allerdings auch ihre einzige Schwägerin. Der Titel war also hart umkämpft, aber ich konnte mich knapp gegen die Konkurrenz durchsetzen. 😉
Nun frage ich mich natürlich, was sie mir damit sagen wollte.
Vielleicht:
„Versuch gar nicht erst, mich zu verändern. Es ist zu spät.“
Oder:
„Du musst mich genauso lieben, wie ich bin.“
Was ich natürlich tue.
Meistens.
Mit kleinen Erholungspausen. 😂
Aber vielleicht passt die Botschaft auch ganz gut zu mir.
Mir wurde nämlich letzte Woche unterstellt, ich sei sozial inkompatibel.
Was ich gar nicht weiter schlimm finde. Diesen Weg habe ich schließlich selbst gewählt, und ich fühle mich damit ziemlich wohl.
Ich brauche nicht ständig Menschen um mich herum. Ich muss nicht überall dazugehören und auch nicht von jedem gemocht werden. Und wer unangemeldet vor meiner Tür steht, riskiert unter Umständen, dass ich so lange still hinter der Gardine warte, bis er wieder geht. 😉
Am Freitag hatten wir es hier erst mit den Masken. Und ja, ich gebe zu: Auch mir ist das nicht fremd.
Natürlich bin ich auf der Arbeit anders als zu Hause.
Und noch einmal anders hier im Kanal, wo ich vieles zeigen und aussprechen kann, was sonst eher in mir bleibt.
Vielleicht bin ich hier sogar ein kleines Stück näher an der Person, die ich wirklich bin.
Ich hoffe nur, dass meine Kolleginnen noch nicht bemerkt haben, wie sozial inkompatibel ich angeblich bin.
Denn für sie kämpfe ich vor unseren Vorgesetzten bis aufs Blut, wenn es sein muss.
Vielleicht bin ich also gar nicht sozial inkompatibel.
Vielleicht bin ich einfach nur sozial wählerisch.
Ich mag nicht viele Menschen.
Aber die, die ich mag, verteidige ich.
Und damit komme ich zu einer Frage:
Müssen Menschen uns genauso lieben, wie wir sind – oder gehört es zu einer guten Beziehung auch dazu, sich gegenseitig gelegentlich den Spiegel vorzuhalten?
Ein alter Freund, der leider schon verstorben ist, hat mir vor vielen Jahren etwas mit auf den Weg gegeben:
„Liebe ist, den anderen glücklich zu machen.“
Oh ja, ich höre euch schon:
„Das kannst du vergessen. Ich trage meinem Mann oder meiner Frau doch nicht alles hinterher.“
Oder:
„Wenn er oder sie etwas möchte, dann soll er oder sie sich gefälligst selbst darum kümmern.“
Aber genau das ist damit gar nicht gemeint.
Für mich bedeutet dieser Satz etwas anderes.
Denn er ist keine Einbahnstraße.
Wenn beide so denken – was glaubt ihr, was dann passiert?
Niemand muss sich selbst aufgeben. Keiner von beiden muss dem anderen sämtliche Verantwortung abnehmen. Es bedeutet auch nicht, ständig zurückzustecken, damit der andere ein möglichst bequemes Leben hat.
Denn wenn beide darauf achten, was dem anderen guttut, gibt es nicht den einen, der sich ständig aufopfert, und den anderen, der davon profitiert.
Dann trägt nicht einer alles.
Dann tragen beide etwas.
Mal der eine mehr, mal der andere. Je nachdem, wer gerade mehr Kraft hat.
Liebe bedeutet für mich deshalb nicht:
„Ich mache alles für dich.“
Sondern eher:
„Dein Glück ist mir nicht egal.“
Und wenn beide so denken, wird daraus kein Dienen.
Dann wird daraus ein Miteinander.
Vielleicht müssen wir nicht jede Eigenart eines Menschen gut finden, um ihn so zu lieben, wie er ist.
Vielleicht bedeutet Liebe eher:
Ich sehe dich. Mit deinen guten Seiten, deinen Macken und deinen blinden Flecken. Und ich bleibe ehrlich an deiner Seite, ohne dich nach meinen Vorstellungen formen zu wollen.
Ob meine Lieblingsschwägerin das mit ihrem Bild gemeint hat, weiß ich allerdings nicht.
Vielleicht wollte sie mir auch einfach nur sagen:
„Gewöhn dich dran. Ich bleibe so.“ 😂
Eure
Schreibfeder aus Thüringen
