
Tiere setzt man nicht aus
Sechs Katzen leben bei uns. Wer das hört, schaut mich manchmal an, als hätte ich irgendwann beschlossen, Katzen zu sammeln.
Dabei habe ich nur meine alte Dame Lilly schon seit ihrer Geburt begleitet. Die anderen kamen auf Umwegen zu uns. Zeitweise waren es sogar acht. Einige habe ich in ein neues Zuhause vermittelt, weil sie mit unserem Rudel nicht zurechtkamen. Andere zogen von selbst weiter.
Gismo wurde sogar persönlich vorgestellt. Von meinem inzwischen verstorbenen Kater Sylvester.
Er war so etwas wie der Streetworker unseres Dorfes und brachte immer wieder Katzen mit, die Hilfe brauchten. Eines Morgens klopfte er wie üblich an mein Wohnzimmerfenster. Als ich öffnete, sprang eine junge Katze herein und besichtigte ohne jede Scheu das Haus. Sylvester lief hinter ihr her, als würde er eine Führung anbieten.
Hier gibt es Futter, da ist das Katzenklo, und geschlafen wird, wo gerade Platz ist.
Gismo war wild und ziemlich ungestüm. Sylvester übernahm ihre Erziehung. Und als wir ihn später zu Hause einschläfern lassen mussten, blieb sie bei ihm auf der Decke, bis er gegangen war.
Das werde ich nie vergessen.
Vielleicht versteht ihr deshalb, warum ich am Dienstag auf dem Weg zu meinem Auto stehen blieb, als ich eine Katze schreien hörte.
Eine Transportbox und ein leerer Napf
Ich hatte mich mit einer Kollegin getroffen, mit der ich ab und zu schreibe. Eine halbe Stunde war geplant. Um 18 Uhr wollte ich an einem Schreibworkshop teilnehmen.
Dann fand ich eine Transportbox, die auf der Seite lag. Darin saß eine Katze und versuchte herauszukommen. Neben ihr stand ein leerer Futternapf.
Im ersten Moment standen mir die Tränen in den Augen. Dann kam die Frage: Was mache ich jetzt?
Es war 16.45 Uhr. Das Ordnungsamt, das ich erreichte, war für den Ort nicht zuständig. Beim zuständigen Amt ging niemand mehr ans Telefon. Beim Tierheim ebenfalls nicht.
Die Katze einfach mit nach Hause zu nehmen, war mit meinem Sixpack keine Lösung. Tierliebe sorgt leider nicht automatisch dafür, dass sechs Katzen begeistert zusammenrücken und sagen: „Natürlich, ein Zimmer haben wir noch.“
Also suchte ich nach einer anderen Telefonnummer und landete zunächst bei einer Polizeiinspektion mehrere hundert Kilometer entfernt.
Der Polizist war sehr nett und gab mir eine weitere Nummer. Dort nahm eine Polizistin meine Daten auf und versprach, zurückzurufen. Währenddessen saß ich mit der Katze in der Transportbox im Auto und blieb in der Nähe der Fundstelle.
Sie rief tatsächlich zurück. Ich durfte nach Hause fahren und sollte unterwegs die Rettungsleitstelle kontaktieren.
Inzwischen war es 17.45 Uhr.
Ein Abend mit ungewöhnlich vielen Telefonaten
Bei der Leitstelle erfuhr ich, dass es gerade einen schweren Verkehrsunfall gab. Der Mitarbeiter versprach trotzdem, sich wieder zu melden. Kurz nach 18 Uhr erreichte er jemanden beim örtlichen Tierheim.
Um 18.10 Uhr war ich zu Hause. Das Tierheim war noch im Einsatz und wollte sich melden, sobald eine Übergabe möglich war.
Während ich wartete, rief auch die Polizeiinspektion meines Ortes an.
Ich sagte dem Polizisten, dass ich noch nie an einem Tag mit so vielen seiner Kollegen gesprochen hatte.
„Dann setze ich noch einen drauf“, sagte er.
Ob ich nach der Übergabe vorbeikommen und Anzeige erstatten könnte. Möglichst noch am selben Abend.
Um 19 Uhr übergab ich die Katze auf einem Supermarktparkplatz an das Tierheim. Zwanzig Minuten später saß ich bei der Polizei. Um 20.15 Uhr war ich wieder zu Hause.
Den Workshop hatte ich verpasst. Meinen geplanten Kanalbeitrag auch.
Aber die Katze war endlich in sicheren Händen.
Verantwortung endet nicht an der Haustür
Ich weiß nicht, wer diese Katze dort zurückgelassen hat. Ich kenne die Geschichte dahinter nicht.
Menschen können krank werden, in finanzielle Schwierigkeiten geraten oder mit der Versorgung eines Tieres überfordert sein. Manchmal verändert sich ein Leben so sehr, dass ein Tier nicht bleiben kann.
Darüber darf man sprechen. Man darf Hilfe brauchen.
Aber eine Katze in einer Transportbox zurückzulassen, ist keine Lösung. Sie kann nicht nach einer Telefonnummer suchen. Sie kann niemandem erklären, was passiert ist. Sie sitzt dort und ist darauf angewiesen, dass jemand sie hört.
Genau das lässt mich an dieser Begegnung nicht los: Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Weg zum Auto genommen hätte?
Ich bin den Menschen dankbar, die an diesem Abend mit mir telefoniert, weitergesucht und schließlich die Versorgung der Katze übernommen haben. Ich hoffe, dass es auch den Menschen nach dem schweren Verkehrsunfall gut geht.
Und für die Katze wünsche ich mir ein Zuhause, in dem sie willkommen ist.
Manchmal muss ich mir gar keine Geschichten ausdenken. Das Leben schreibt sie selbst. An diesem Tag hat es dabei allerdings ein bisschen übertrieben.
Tiere setzt man nicht aus. Wenn man nicht mehr für sie sorgen kann, sucht man Hilfe. Und ja, manchmal ist sie schwer zu finden, aber Aufgeben ist keine Lösung.
Eure Schreibfeder aus Thüringen
P.S. Nachtrag vom 2. Oktober 2026: Ich habe noch einmal mit dem Tierheim gesprochen. Dort sagte man mir, dass ich mich in einer akuten Situation wie dieser auch über die 112 an die Rettungsleitstelle hätte wenden können, als ich bei den anderen Stellen niemanden erreichte. Falls ihr ein Tier findet, das feststeckt oder sich in einer ähnlichen Notlage befindet: Bitte schaut nicht weg.
