
Was von Florian bleibt – die Kiste auf dem Dachboden
Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 3. Juli 2026.
Was von Florian bleibt
Nachdem man mich auf den Dachboden geschickt hat, öffne ich vorsichtig die Kiste.
In der alten Holzkiste liegen keine großen Schätze. Nichts, was für andere Menschen besonders wertvoll wäre.
Und doch würde niemand aus der Familie auch nur eines dieser Dinge wegwerfen können.
1. Der Familienstammbaum
Das Papier ist an den Rändern leicht vergilbt, an einer Ecke geknickt und an manchen Stellen mit Kinderhand beschriftet.
Florian hatte irgendwann beschlossen, dass zu einer Familie nicht nur Namen und Geburtsdaten gehören, sondern auch Spitznamen, Lieblingsessen und peinliche Eigenschaften.
Neben dem Namen seines großen Bruders Jonas steht:
„Tut cool, ist aber nett.“
Niemand hat es je wegradiert.
2. Der Grumpy-Cat-Knautschball
Er ist weich, etwas ausgeleiert und sieht inzwischen mehr mitgenommen als grummelig aus.
Florian hatte ihn bekommen, weil er sich über Dinge aufregen konnte, die andere nicht einmal bemerkt hätten: falsche Soße, leere Akkus oder ungerechte Schiedsrichterentscheidungen.
Wenn er den Ball zusammendrückte, musste meistens jemand lachen.
Auch Florian selbst – obwohl er das natürlich nie sofort zugegeben hätte.
3. Die Freundschaftsarmbänder
Zwei kleine Armbänder liegen ineinander verschlungen in der Kiste.
Die Fäden sind ausgefranst, die Farben blasser geworden, aber der Knoten hält noch immer.
Eines gehörte Florian, eines Jonas.
Sie hatten sie irgendwann getragen, als wäre das nichts Besonderes.
Und doch war es vielleicht genau das:
Ein stilles Versprechen, das keiner von ihnen laut aussprechen musste.
4. Jonas’ Songtext
Das Blatt ist mehrfach gefaltet und an den Knicken beinahe durchsichtig geworden.
Einige Zeilen sind durchgestrichen. Andere wurden hastig darübergeschrieben, als hätte Jonas beim Schreiben nicht schnell genug hinter seinen eigenen Gedanken herkommen können.
Er spielte diesen Song auf Florians Beerdigung.
Nicht perfekt. Nicht glatt.
Aber mit allem, was er vorher nicht sagen konnte.
5. Der Herzstein von der Ostsee
Der Stein ist klein, glatt und unscheinbar – bis man ihn umdreht und seine Herzform erkennt.
Florian hatte ihn im Urlaub an der Ostsee gefunden und sofort behauptet, so etwas finde man nicht einfach.
So etwas werde einem geschickt.
Er steckte den Stein damals in seine Hosentasche und nahm ihn mit nach Hause.
Vielleicht, weil er an Wunder glaubte.
Vielleicht aber auch nur, weil er Schönheit dort sah, wo andere achtlos weitergelaufen wären.
