
Wenn meine Romanfiguren plötzlich anfangen zu reden
Erstmals im WhatsApp-Kanal veröffentlicht am 5. Juni 2026

Vielleicht sollte ich mir doch Sorgen machen. 😉
Ich erfahre jeden Tag etwas Neues, wenn ich in meiner Schreibstube sitze und mich mit meinen Figuren unterhalte.
Gut, so ein kleines bisschen verrückt muss man vermutlich schon sein, wenn man möglichst viel von ihnen erfahren möchte.
Außerdem ist es durchaus hilfreich, in einer Wochenendbeziehung zu leben. Da wundert sich wenigstens keiner, wenn man plötzlich anfängt, laut mit Menschen zu reden, die außer einem selbst niemand sehen kann.
Natürlich frage ich mich trotzdem ab und zu:
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
Gestern zum Beispiel erzählte mir Florian aus meinem Roman, dass seine Familie beim Fotografen war, um ein Familienfoto machen zu lassen.
Und natürlich hatte er dazu seine ganz eigene Meinung:
„Also ehrlich, Familienfotos sind ja eigentlich Folter. Mama wollte natürlich, dass wir ordentlich aussehen. Jonas hat schon beim ersten ‚Zieh bitte den Hoodie richtig an‘ die Augen verdreht.
Ich hab kurz überlegt, ob ich einfach Grimassen schneide, bis der Fotograf aufgibt.
Paps hat die ganze Zeit versucht, locker zu wirken – so dieses ‚Hey, ich bin ein entspannter Vater‘-Ding.
Aber ich hab gesehen, wie er heimlich seinen Hemdkragen gerichtet hat.
Und Mama? Die war in ihrem Element. Haare glatt gestrichen, Brille geputzt, Lächeln auf Kommando – ich schwöre, sie hätte auch noch die Falten im Hintergrund glattgezogen, wenn’s gegangen wäre.
Am lustigsten fand ich, dass wir uns alle so dicht zusammenquetschen mussten. Jonas sah aus, als hätte er gleich Platzangst, und ich hab den Kopf schiefgelegt, damit’s nach ‚braver Sohn‘ aussieht.
In Wahrheit hab ich mir nur vorgestellt, wie geil das wäre, wenn ich plötzlich ‚Käsefuß!‘ rufe.
Am Ende ist das Foto erstaunlich normal geworden. Keiner hat geblinzelt, keiner hat gegrinst wie ein Psycho – und Mama war zufrieden.
Und mal ehrlich: Für so ein Bild, das wahrscheinlich irgendwann im Bücherregal steht, neben dieser komischen Tonfigur von Mama, war’s gar nicht so schlimm.
Aber wehe, sie hängt’s in den Flur. Dann sehe ich es jeden Morgen und muss mir mein eigenes braves Gesicht angucken.
Horror!“
Also freue ich mich weiterhin über alles, was ich bei meinen Selbstgesprächen noch so erfahre – ob ernst, schräg oder einfach nur lustig. 😊
Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
Eure Schreibfeder aus Thüringen
