
Wer bestimmt eigentlich, wer uns ärgern darf?
Erstmals im WhatsApp-Kanal veröffentlicht am 16. Juni 2026
Und schon wieder ist Dienstag. 😉
Am Wochenende gab es bei mir zu Hause ein kleines Drama.
Und ja, ich war nicht ganz unschuldig daran.
Das gelingt mir leider manchmal ziemlich schnell, weil ich oft besser im Schreiben bin als im Reden.
Im Privatleben habe ich eher wenige soziale Kontakte. Nicht, weil ich Menschen grundsätzlich nicht mag – ganz so schlimm ist es nun auch wieder nicht. 😉 Aber mein Alltag ist ziemlich voll: ein Zehn-Stunden-Hauptjob, das Schreiben, der Haushalt, die Katzen und irgendwo dazwischen auch noch ich.
Da bleibt wenig Zeit, um Freundschaften so zu pflegen, wie manche Menschen es vielleicht brauchen.
Ich habe eine Freundin in Hamburg. Wir telefonieren ungefähr viermal im Jahr. Eine andere lebt in Kanada. Mit ihr schaffe ich vielleicht ein oder zwei Videoanrufe, der Rest läuft per E-Mail.
Und trotzdem sind sie mir wichtig.
Als ich damals aus Hamburg hierherzog, war das für mein kleines Dorf übrigens eine echte Umstellung. Hier kennt jeder jeden. In Hamburg wusste ich teilweise nicht einmal, wie meine Nachbarn hießen.
Hallo? Großstadtkind. 😊
Nix Nachbarschaftskontrolle. Einfach Ruhe, bitte.
Jedenfalls habe ich am Wochenende jemanden verletzt, weil etwas von mir anders angekommen ist, als ich es gemeint hatte.
Genau das hat mich an einen Satz der Autorin Karin Kuschik erinnert, den ich in einem ihrer Hörbücher gehört habe:
„Wer mich ärgert, bestimme immer noch ich.“
Ich finde, das ist kein einfacher Spruch. Es ist eine Haltung. Vielleicht sogar ein Stück Selbstbestimmung.
Denn wenn wir uns über jemanden ärgern, geben wir diesem Menschen für einen Moment ziemlich viel Macht über uns.
Über unsere Gedanken.
Über unsere Stimmung.
Manchmal sogar über den ganzen Tag.
Und dann passiert etwas Merkwürdiges:
Wir ärgern uns nicht nur über den anderen. Wir ärgern uns irgendwann auch noch darüber, dass wir uns ärgern.
Und zack – der Tag ist ruiniert.
Oft ist es nämlich nicht nur das Ereignis selbst, das uns beschäftigt, sondern die Bedeutung, die wir ihm geben.
Gleiches Ereignis, zwei Geschichten
Ein Beispiel aus meinem Alltag:
Ich lebe mit fünf Freigängerkatzen zusammen. Im Frühling und Sommer sehe ich sie meistens nur zum Frühstück und zum Abendbrot. Eine von ihnen kommt allerdings nur manchmal – oder eben auch nicht.
Dann geht es in meinem Kopf los:
Was, wenn ihr etwas passiert ist?
Warum ist sie noch nicht da?
War sie heute Morgen überhaupt schon hier?
Sollte ich einmal im Garten nachsehen?
Also werde ich unruhig, schaue häufiger aus dem Fenster, gehe in den Garten und lausche, ob irgendwo ein vertrautes Rascheln zu hören ist.
Mein Mann sieht dieselbe Situation völlig anders.
Er sagt dann meistens:
„Die hat draußen einfach so viel Spaß, dass sie vergessen hat, nach Hause zu kommen.“
Gleiches Ereignis.
Zwei vollkommen unterschiedliche Geschichten im Kopf.
Ich: Sorge.
Er: Vertrauen.
Und genau das passiert uns doch ständig.
Wenn Nachrichten plötzlich etwas anderes bedeuten
Jemand schreibt fünf oder sechs Nachrichten hintereinander.
Der eine Empfänger denkt vielleicht:
„Oh je, das ist mir gerade zu viel.“
Ein anderer würde denken:
„Ach, ist das lieb. Da denkt jemand an dich.“
Und der Mensch, der geschrieben hat, sitzt vielleicht auf der anderen Seite und fragt sich:
„Ist sie jetzt böse? Warum antwortet sie nur so kurz? Habe ich etwas falsch gemacht?“
Ein und dasselbe Ereignis kann bei verschiedenen Menschen vollkommen unterschiedliche Reaktionen auslösen.
Ist das bei euch nicht manchmal genauso?
Vielleicht liegt genau darin der kleine Moment der Selbstbestimmung.
Ich kann innehalten und mich fragen:
Was ist wirklich passiert?
Welche Geschichte erzähle ich mir darüber?
Und wie möchte ich das wahrnehmen?
Natürlich gelingt mir das selbst auch nicht immer. Der Mann aus meinem letzten Beitrag hat mich sogar ziemlich massiv geärgert.
Aber statt mich weiter daran festzubeißen, habe ich ihn beim Schreiben verarbeitet.
Und siehe da: Der Ärger war plötzlich nicht mehr so groß.
Ihr müsst jetzt natürlich nicht alle mit dem Schreiben anfangen.
Außer, ihr wollt das. 😉
Aber vielleicht könnt ihr beim nächsten Mal, wenn euch jemand ärgert, einmal tief durchatmen und euch fragen:
Will ich meine Kraft wirklich in diese Diskussion stecken?
Ist es mir das wert?
Oder entscheide ich selbst, wer mich ärgern darf – und behalte meinen Frieden?
Was ihr mir damals geantwortet habt
Im Anschluss wollte ich wissen, wie meine Kanalmitglieder die Mischung aus Schreiben, Alltag und persönlichen Gedanken empfinden.
Die deutliche Mehrheit mochte genau diese Mischung. Einige freuten sich besonders über neue Beiträge oder wünschten sich noch mehr Geschichten. Und niemand fand, dass es zu viel Text sei oder der Kanal grundsätzlich nicht das Richtige für ihn wäre.
Das hat mir Mut gemacht, auch weiterhin nicht nur fertige Geschichten zu zeigen, sondern ebenso die Gedanken und Erlebnisse dahinter.
Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur
Eure Schreibfeder aus Thüringen
