Wie aus echten Menschen Romanfiguren werden

Erstmals im WhatsApp-Kanal veröffentlicht am 12. Juni 2026

Vielleicht habt ihr bereits das etwas schräge Lied von Jonas und Florian gehört. 😉

Ich für meinen Teil sehe die beiden beim Hören jedes Mal vor mir: wie sie eine Kissenschlacht machen oder Florian wieder irgendeinen Quatsch anstellt, während Jonas versucht, ernsthaft einen Beat aufzunehmen.

Aber warum ist das eigentlich so?

Wo kommen die Figuren her, über die ich schreibe?

Die Antwort ist ganz einfach.

Und gleichzeitig auch wieder nicht.

Wie so oft im Leben. 😉

Die Familie, über die ich gerade meinen Roman schreibe, gibt es tatsächlich. Jonas macht wirklich Musik. Im echten Leben heißt er nur nicht Jonas. Und sein Bruder heißt nicht Florian, seine Eltern nicht Katja und Tom.

Aber ich habe diese Familie im wirklichen Leben kennengelernt, interviewt und ein Stück weit begleitet. Sie wollte ihre Geschichte erzählen. Und ich wollte sie schreiben.

Figuren entstehen aus Beobachtungen, Erinnerungen, kleinen Sätzen, echten Menschen, erfundenen Momenten und ganz viel Bauchgefühl.

Aus einem Blick.

Aus einer Haltung.

Aus einer Frage, die nicht mehr loslässt.

Erst war da ein Gefühl.

Dann eine Szene.

Dann ein Satz.

Dann ein Widerspruch.

Und irgendwann fingen meine Figuren an, Dinge zu tun oder zu sagen, die ich überhaupt nicht geplant hatte.

Genau da sind wir bei dem „auch wieder nicht“. 😉

Denn Figuren entwickeln beim Schreiben häufig ein Eigenleben. Sie werden fiktionalisiert, verändert und verfremdet. Und das muss auch so sein. Schon allein, damit ich nicht irgendwann vor Gericht lande – oder mit faulen Eiern beworfen werde, wenn ich einmal etwas nicht ganz so Nettes schreibe. 😉

In meinem Hauptberuf habe ich viel mit Menschen zu tun und lerne immer wieder neue Persönlichkeiten kennen. Manche begegnen mir nur kurz. Andere bleiben länger hängen.

Sie hinterlassen etwas.

Eine Art zu sprechen.

Eine Geste.

Einen Blick.

Eine Verletzlichkeit.

Einen Widerspruch.

Und manchmal wird daraus irgendwann eine Figur.

Wenn aus Beobachtungen eine Szene entsteht

Die folgende Szene ist frei erfunden und bildet keine einzelne reale Person ab. Sie zeigt aber, wie aus vielen kleinen Beobachtungen eine Figur entstehen kann.

Wer weiß – vielleicht begegnet uns dieser Mann eines Tages in einer meiner Geschichten wieder. 😉

Der Mann, der nicht hereinkommt

Der Mann kommt nicht herein. Er erscheint.

Zuerst sieht sie den hellgrünen Markenpullover, der ein bisschen zu sorgfältig über seine Schultern fällt. Dann die schmale Jeans und die Uhr an seinem Handgelenk – groß genug, um auch aus drei Metern Entfernung noch mitzuteilen, dass sie teuer gewesen ist.

Er bleibt in der Tür stehen.

Nicht, weil jemand ihn aufgehalten hätte. Sondern weil er offenbar erwartet, dass der Raum einen Moment braucht, um ihn wahrzunehmen.

„Na hallöchen“, sagt er und lässt den Blick über die Anwesenden gleiten, als hätte er persönlich darum gebeten, dass man sich hier versammelt. „Das ist ja schön, dass so viele gekommen sind.“

Niemand antwortet sofort.

Frau Berger spürt das vertraute, instinktive Warnsignal im Nacken. Es ist die Art von Präsenz, die keinen Dialog sucht, sondern eine Bühne.

Er geht zum Stuhl am Kopfende des Tisches, obwohl dort kein Namensschild liegt, zieht ihn zurück und lässt sich hineinfallen.

Breitbeinig.

Ein Arm über der Lehne, der andere locker auf dem Tisch. Die Uhr liegt obenauf, als müsse sie ebenfalls an der Besprechung teilnehmen.

Er bewegt sich leicht vor und zurück wie ein Metronom, das den Takt seiner eigenen Wichtigkeit schlägt.

„Also“, sagt er. „Dann wollen wir mal.“

Frau Berger räuspert sich. „Wir wollten heute eigentlich klären, wie die Zusammenarbeit und die Absprachen in den letzten Wochen gelaufen sind.“

An seinem Gesicht verändert sich kaum etwas. Nur seine Augen werden schmaler.

„Absprachen sind ein großes Wort.“

„Es geht konkret darum, dass mehrere Vereinbarungen nicht eingehalten wurden.“

„Moment“, sagt er und hebt eine Hand, als könne er den Satz damit aus der Luft wischen. „Bevor wir hier mit solchen Begriffen arbeiten, sollten wir vielleicht erst einmal klären, worüber wir wirklich sprechen.“

Frau Berger sieht ihn an.

„Worüber sprechen wir denn Ihrer Ansicht nach?“

Er lehnt sich ein Stück zurück.

„Ich sehe das pragmatisch. Qualität ist für mich nicht verhandelbar. Und wenn bestimmte Standards hier nicht gelebt werden, dann muss man das auch klar benennen dürfen. Am Ende ist das eine Servicefrage.“

Servicefrage.

Frau Berger legt den Stift quer vor sich hin.

Nicht klicken.

Nicht seufzen.

Nicht die Augen schließen.

„Sie sind erst seit vier Wochen Teil dieser Einrichtung“, sagt sie ruhig. „Die vorherigen Konzepte können Sie also gar nicht in der Tiefe kennen. Wenn Ihnen Qualität aber so wichtig ist, wie Sie behaupten, frage ich mich, warum Sie den fachlichen Austausch bisher gemieden haben.“

Er zieht die Augenbrauen hoch.

„Also bitte, Frau Berger, dafür fehlt mir nun wirklich die Zeit. Ich beobachte lieber von außen.“

„Verstehe“, sagt Frau Berger. „Die Zeit, sich fachlich einzuarbeiten, hatten Sie nicht. Die Zeit, alles zu bewerten, offenbar schon.“

Er nickt langsam, als hätte sie etwas gesagt, das er ihr gnädig durchgehen lässt. Dann lehnt er sich zurück und schiebt den Ärmel seines Pullovers einen Hauch nach oben.

Die Uhr fängt das Licht.

„Vielleicht ist genau das der Vorteil“, sagt er. „Ich bin noch nicht Teil dieser Betriebsblindheit. Ich bringe die nötige Führungserfahrung mit, um zu sehen, wo es hier hakt.“

Da ist es wieder, denkt sie.

Das Bedürfnis nach Macht.

Es geht ihm nicht um die Sache. Es geht um die Dominanz in einem Fachbereich, der nicht der seine ist.

„Sie beobachten nicht“, sagt sie. „Sie behaupten. Und Sie versuchen, pädagogische Arbeit wie ein Fließband zu dirigieren.“

Äußerlich bleibt er ruhig. Unter dem Tisch beginnt sein Knie wieder zu wippen.

„Das ist jetzt Ihre Interpretation.“

„Nein“, sagt Frau Berger. „Das sind die dokumentierten Tatsachen.“

Für einen Moment sieht er auf die Mappe vor ihr.

Nur kurz.

Aber lang genug, dass sein Blick an dem Wort Protokoll hängen bleibt.

Dann hebt er den Kopf wieder.

„Protokolle“, sagt er und lässt sich Zeit mit dem Wort, „sind auch nur Momentaufnahmen.“

Frau Berger spürt, wie sich ihre Finger fest um den Stift schließen.

Da sitzt ein Mann, der seit vier Wochen hier ist, keine einzige pädagogische Grundlage diskutieren will und trotzdem spricht, als müsse man ihm für seine Anweisungen dankbar sein.

„Gut“, sagt sie. „Dann gehen wir diese Momentaufnahmen jetzt Punkt für Punkt durch. Gemeinsam. Auf Augenhöhe.“

Sein Lächeln wird schmaler.

Zum ersten Mal sieht er nicht mehr aus, als gefiele ihm der Raum.

Mit Tinte im Herzen und einer Katze auf der Tastatur

Eure Schreibfeder aus Thüringen

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