Zum Mitnehmen

„Die kann doch auch mit.“

Tom griff nach der Tasse, die auf der Küchenanrichte stand, und wollte sie in die Kiste für den Dorfflohmarkt stellen.

„Lass sie bitte stehen.“

Er hielt mitten in der Bewegung inne. „Ich habe sie doch noch gar nicht eingepackt.“

„Du hast darüber nachgedacht.“

„Ich habe sie angesehen.“

Katja nahm sie ihm aus der Hand. Weiß, mit hellgrünem Henkel und zwei Kleeblättern. Sie stellte sie zurück auf die Anrichte, ein Stück weiter weg von der Kiste.

Tom las die Aufschrift. „Eine so gute Kollegin findet man nicht jeden Tag. Seit wann hast du die?“

„Seit Freitag.“

Sie fuhr mit dem Daumen über den Henkel. Dabei sah sie wieder den Zettel an der Scheibe der Bäckerei vor sich.

Heute letzter Verkaufstag.

Katja hatte ihn schon vom Parkplatz aus gesehen. Sie hatte ihn die ganze Woche gesehen. Offenbar hatte ein Teil von ihr trotzdem erwartet, dass Sabine ihn über Nacht wieder abnehmen würde. Als schlechten Scherz. Oder weil ihr eingefallen war, dass man eine Bäckerei, die es schon immer gab, nicht einfach schließen konnte.

Drinnen roch es nach Kaffee und warmen Brötchen. Sabine stand hinter der Theke und legte belegte Brötchen in die Auslage.

„Kaffee zum Mitnehmen, ein belegtes Brötchen ohne Tomaten, aber mit Gurken und Salat und ein Croissant?“

„Du könntest wenigstens so tun, als müsste ich bestellen.“

„Wozu? Ich würde es mir sowieso nicht merken.“

Katja zog eine Augenbraue hoch.

Sabine grinste und stellte den Kaffeebecher unter den Automaten. „Na gut. Nach fünfzehn Jahren vielleicht.“

An der Wand hinter der Theke fehlten die Fotos. Katja erkannte die hellen Rechtecke auf der Tapete. Sie blieb mit dem Blick an der Stelle hängen, an der Sabines Tochter als Baby gehangen hatte.

Damals war Katja mit einer Tüte Croissants ins Krankenhaus gefahren, obwohl sie selbst gerade zwischen zwei Terminen steckte.

„Als ob es hier nichts zu essen gibt“, hatte Sabine gesagt.

„Du hast gesagt, du willst ein Croissant.“

„Das habe ich zu allen gesagt.“

„Dann bin ich offenbar die Einzige, die dir zuhört.“

Katja hatte sich auf die Bettkante gesetzt, und Sabine hatte ihr das Kind in den Arm gelegt. Heute musste die Kleine ungefähr in der zweiten Klasse sein.

„Schon eingepackt“, sagte Sabine, ohne sich umzudrehen.

Katja nickte. „Und ab Montag bist du wirklich in der Filiale am Ring?“

„Ja. Die Zentrale verlängert den Mietvertrag hier nicht.“

Katja sah zur Tür. Am Morgen hatte die Schlange noch bis hinausgereicht.

„Verstehen muss man das nicht, oder?“

„Ich hab’s versucht“, sagte Sabine. „Hat nichts geändert.“

Neben der Kasse stand eine flache Schachtel mit den Fotos, die Sabine von der Wand genommen hatte. Obenauf lag ein Bild von Katjas Hochzeitstorte.

„Drei Stockwerke“, sagte Sabine. „Tom wollte es damals unbedingt groß.“

„Tom wollte vor allem nicht zugeben, dass er Zuckerblumen mag.“

Sabine lachte. „Für Florian habe ich später die blauen Buchstaben gemacht. Erinnerst du dich an das schiefe r?“

„Natürlich. Ich habe noch ein Foto davon.“

„Ich wollte es damals neu machen.“

„Und ich habe dich nicht gelassen.“ Katja lächelte. „Flo hat das Foto neulich gesehen. Er fand vor allem bemerkenswert, dass wir seinen Namen offenbar fotografieren mussten, um ihn uns zu merken.“

Sabine lachte und legte das Bild zurück in die Schachtel.

Die Türglocke schlug an. Ein Mann kaufte zwei Körnerbrötchen und fragte nach Servietten. Sabine war gerade damit beschäftigt, den Deckel auf Katjas Kaffeebecher zu drücken.

Katja griff unter die Theke, zog die Schublade auf und reichte dem Mann ein paar Servietten.

„Danke“, sagte er. „Arbeiten Sie auch hier?“

„Nur bei technischen Notfällen.“

„Sie meint den Kaffeeautomaten“, erklärte Sabine. „Der war mal kaputt, und sie hat sich hier aufgeführt, als stünde sie auf der Gehaltsliste.“

„Ich habe drei Brötchen verkauft.“

„Vier.“

„Eines davon war meins.“

Der Mann nahm seine Tüte und ging. Sabine sah Katja an.

„Du weißt immer noch, wo die Servietten liegen.“

„Du räumst sie seit Jahren an dieselbe Stelle.“

„Manche Leute fragen trotzdem.“

Sabine legte das Brötchen und das Croissant in eine Papiertüte und stellte sie mit dem Kaffee auf die Theke. Dann blieb sie stehen, statt wie sonst nach dem nächsten Kunden Ausschau zu halten.

„Ich habe noch was für dich.“

Sie holte die Tasse unter dem Tresen hervor. Katja drehte sie zu sich und las die Aufschrift.

Eine so gute Kollegin findet man nicht jeden Tag. Gut, dass ich so viel Glück hatte!

„Sabine.“ Katja sah auf. „Ich habe hier nie gearbeitet.“

„Ich weiß.“

„Nicht mal an dem Tag mit dem Automaten.“

„Doch. Da schon.“

Katja wollte etwas erwidern, aber Sabine strich mit dem Daumen über eine Falte in der Papiertüte.

„Als meine Mutter gestorben ist, bist du geblieben“, sagte sie.

Katja erinnerte sich an den Morgen. Sabine hatte Kaffee ausgeschenkt, Wechselgeld herausgegeben und jedem Kunden ein freundliches „Guten Morgen“ gewünscht. Erst als der Laden leer gewesen war, hatte sie Katja erzählt, was in der Nacht passiert war.

„Du warst allein“, sagte Katja.

„Du musstest zur Arbeit.“

„Ich habe angerufen, dass ich später komme.“

„Eben.“

Sabine schob ihr die Tasse hin. Katja nahm sie am Henkel. Sie war kühl, und Katja hielt sie ein wenig zu fest.

„Ich werde den Kaffee vermissen“, sagte sie.

„Ich dich auch.“

Katja sah auf die Tasse. „Das habe ich gar nicht gesagt.“

„Ich weiß.“

Sie mussten beide lachen. Katja griff nach einem Taschentuch, fand keines und bekam von Sabine eine Serviette gereicht.

„Letzter Service“, sagte Sabine.

„Glaubst du doch selbst nicht. Wenn in deiner neuen Filiale der Automat streikt, rufst du mich spätestens nach zehn Minuten an.“

„Nach fünf.“

Katja nahm ihren Kaffee und die Papiertüte. Die Serviette steckte sie in die Tasse, damit sie eine Hand frei hatte.

Draußen stellte sie den Kaffee kurz auf das Autodach und schloss auf. Die Tasse bekam einen Platz auf dem Beifahrersitz, direkt neben dem Croissant. Katja schob die Papiertüte ein Stück zur Seite, damit nichts umfallen konnte.

Dann hob sie den Kaffee vom Dach, setzte sich hin und sah noch einmal zur Bäckerei.

Sabine stand hinter der Scheibe. Sie hob die Hand.

Katja hob ihre auch. In der anderen hielt sie den Kaffeebecher, dessen Deckel Sabine wie jeden Morgen ein bisschen zu fest aufgedrückt hatte.

„Katja?“

Tom stand noch immer mit der Flohmarktkiste in der Küche. Katja blinzelte und sah auf die Tasse in ihrer Hand.

„Sabine hat sie mir geschenkt. Am letzten Tag in der Bäckerei.“

Tom betrachtete erst die Aufschrift und dann sie. „Die bleibt hier.“

„Gut.“

„Auch wenn sie nie deine Kollegin war?“

Katja stellte die Tasse auf das Regal neben der Kaffeemaschine. „Sag das mal Sabine.“

Tom hob die Kiste an. An der Tür blieb er noch einmal stehen.

„Du fährst morgen früh über den Ring?“

Katja sah auf die Tasse. „Ich glaube, ich mache auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Umweg. Mal sehen, wie Sabines erster Tag läuft.“

„Und ob der Kaffeeautomat funktioniert.“

„Vor allem das.“

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