Zwischen seine Zeilen geschrieben

Erstmals im Schreibfeder-Kanal veröffentlicht am 4. August 2026.

Hallo aus meiner Schreibstube,

da bin ich heute aber spät dran … Das liegt wohl an der Hitze. Da raucht der Kopf schon, ohne dass ich überhaupt angefangen habe zu schreiben. 😉

Vielen Dank für das positive Feedback zu meiner Sommergeschichte. 😊

Ich freue mich immer sehr, wenn ich ein paar Reaktionen von euch bekomme. Dann weiß ich, dass ich euch tatsächlich ein wenig unterhalte. 😉

Letzten Dienstag habe ich euch erzählt, dass ich vielleicht gar nicht sozial inkompatibel bin, sondern einfach nur sozial wählerisch.

Als ich nach diesem Beitrag wieder an meinem Schreibtisch saß und an meiner Geschichte weiterarbeitete, schoss mir plötzlich eine meiner Hauptfiguren durch den Kopf:

Jonas.

Ich fragte mich, wie seine Mitbewohner seine Art eigentlich wahrnehmen.

Also fragte ich kurzerhand Marc:

„Sag mal, Marc – wie würdest du Jonas beschreiben?“

Marc lehnt sich zurück und überlegt einen Moment.

„Jonas braucht nicht viele Menschen um sich herum. Eigentlich behauptet er sogar, dass er überhaupt keine braucht.“

Er schnaubt leise.

„Das stimmt natürlich nicht. Er braucht nur nicht jeden.“

„Bei den meisten Menschen hält er Abstand. Nicht, weil sie ihm egal sind. Eher im Gegenteil. Wenn er jemanden wirklich an sich heranlässt, dann bedeutet ihm diese Person meistens mehr, als er zugeben würde.“

Marc verschränkt die Arme.

„Jonas ist keiner, der jeden Abend fragt, wie dein Tag war. Er schreibt dir auch nicht ständig, nur damit du weißt, dass er an dich denkt.“

„Aber wenn du nachts um drei irgendwo festhängst, kommt er.“

„Er wird sich auf dem Weg darüber beschweren, dass du ein Idiot bist und vernünftige Menschen um diese Uhrzeit schlafen.“

Marc grinst.

„Aber er kommt.“

Sein Blick wird wieder ernster.

„Das ist überhaupt typisch für ihn. Er redet nicht besonders viel darüber, was ihm jemand bedeutet. Er zeigt es.“

„Er hilft, ohne großes Aufheben darum zu machen. Repariert etwas, bringt dich irgendwohin oder erledigt Dinge, von denen du gar nicht wusstest, dass er sie bemerkt hat.“

„Und wehe, jemand behandelt einen Menschen schlecht, der zu ihm gehört.“

Marc schüttelt den Kopf.

„Dann wird Jonas unangenehm. Nicht laut. Jedenfalls meistens nicht.“

„Aber er kann sehr deutlich werden.“

Einen Moment lang sagt er nichts.

„Das Problem ist nur: Er lässt kaum jemanden nah genug heran, um herauszufinden, wie viel ihm wirklich an anderen liegt.“

„Wenn es schwierig wird, zieht er sich zurück. Dann tut er so, als bräuchte er seine Ruhe oder als wäre ihm alles zu anstrengend.“

„Vielleicht glaubt er sogar selbst, dass das der Grund ist.“

Marc sieht zur Seite.

„Ich glaube aber, dass er sich schützt.“

„Denn wenn man nur wenige Menschen wirklich nah an sich heranlässt, können auch nur wenige einem wehtun.“

Er lächelt ein wenig.

„Das Blöde daran ist nur: Diese wenigen Menschen können ihn dafür umso mehr verletzen.“

Damit endet Marcs Beschreibung.

Und während ich diese Zeilen schrieb, musste ich irgendwann innehalten.

Denn plötzlich beschrieb Marc nicht mehr nur Jonas.

Er beschrieb auch mich.

Nicht in jedem Detail – aber in erstaunlich vielen.

Offenbar hatte ich Jonas Eigenschaften mitgegeben, von denen ich gar nicht wusste, dass sie auch meine eigenen sind.

Ich glaube, wir Autorinnen und Autoren verteilen manchmal kleine Teile von uns auf unsere Figuren, ohne es sofort zu bemerken.

Wir erschaffen Menschen, von denen wir glauben, sie seien völlig frei erfunden.

Und irgendwann sehen wir genauer hin und stellen fest:

Wir haben uns selbst zwischen ihre Zeilen geschrieben.

Eure
Schreibfeder aus Thüringen 🪶

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